Laura Ludwig: “Es ist eine Balance-Frage”

Sie war sieben Mal deutsche Meisterin, nun ist die Deutsche Beach-Volleyball-Meisterschaft für Laura Ludwig schon beendet. Im Interview spricht sie über das Verarbeiten von Niederlagen, anstrengende Monate und wie sie Leistungssport und Familie vereinbaren will.

Bei den Deutschen Beach-Volleyball-Meisterschaften 2021 ist es im Interimsduo mit Leonie Körtzinger der fünfte Platz geworden. Wie fällt das Fazit einen Tag später aus?

Laura Ludwig: Ich wollte gestern erst gar nicht ins Bett gehen, weil ich wusste, dass dann tausend Bilder zum Spiel kommen würden. Ich wollte in der Abwehr alle Bälle haben, bekommen habe ich gefühlt gar keinen. Ich bin weder in mein Abwehr- noch in mein Aufschlagspiel gekommen, das nervt mich. Es ist einfach schade, mit so einem Spiel auszuscheiden. Es macht Spaß, dem Publikum zu zeigen, was man das ganze Jahr international macht. 

Langsam wird die Stimmung aber wieder besser: Die Sonne scheint, man trifft viele Leute und ich habe Zeit für Teo (Sohn von Ludwig, Anm. d. Red.). Es ist auch okay, Timmendorf mal von einer anderen Seite zu sehen und zwei Tage entspannen zu können. Am Dienstag fahre ich aber in den Urlaub nach Dänemark. Ich freue mich sehr darauf, etwas herunterzufahren und Zeit mit meiner Familie zu haben. Die letzten Jahre waren von vielen Zielen und Erwartungen geprägt.

Ist es gut, dass die Saison vorbei ist? 

Die Saison war insgesamt sehr anstrengend. Sich immer wieder zu pushen, weil Maggie (Kozuch, Partnerin von Laura Ludwig, Anm. d. Red.) und ich nie so richtig in einen Flow gekommen sind. So hatten wir nie die Sicherheit, dass wir es drauf haben und mussten uns das immer wieder erarbeiten. Mit den Olympischen Spielen bin ich aber sehr zufrieden. Wir wollten ohne Erwartungen anreisen, weil wir nicht wussten, wie das dann wirklich vor Ort werden würde. Aber es hat richtig viel Spaß gemacht. Ich bin auch völlig zufrieden mit dem fünften Platz. Das Viertelfinale war ein qualitativ gutes Spiel, die Amerikanerinnen waren da einfach besser. Damit kann ich leben. 

Das Comeback nach der Geburt von Teo war harte Arbeit. Hat sie sich gelohnt?

Ja, auf jeden Fall. Wie man so schön sagt, war der Weg auch das Ziel. Als Olympia vorbei war, stand ich da und dachte: “Oh, das war es jetzt schon?”. Das war nach der Goldmedaille in Rio auch schon so. Es geht auf einmal so schnell. Ich finde das Bild des Eisbergs, von dem man nur die Spitze sieht, obwohl noch viel mehr dazu gehört, sehr passend: Das war eine große Teamleistung. Wir haben so viel kommunizieren und erarbeiten müssen. Ich hatte zwischendurch schon kleine Erfolgserlebnisse, musste aber meine Erwartungen anpassen, um nicht direkt wieder frustriert zu werden. Nach der Schwangerschaft hätte es mir nicht schnell genug gehen können. Wenn man Perfektionist ist, will man das Training nicht weglassen - obwohl das manchmal vielleicht besser gewesen wäre. Das war eine Balance-Frage. Es hat mich aber im Leben weitergebracht.

Erstmals seit 2008 gab es bei den Olympischen Spielen keine Medaille für Beach-Volleyballer:innen aus Deutschland. Wie geht es dem deutschen Beach-Volleyball? 

Es müsste eigentlich eine Aufbruchsstimmung her. Die Aufmerksamkeit liegt aber gerade weniger beim Spiel selber. Es gibt viele Diskussionen, die prinzipiell gut für die Weiterentwicklung sind, gerade aber eher aufhalten. Das Gönnen fehlt etwas. Insgesamt muss sich erst wieder die Struktur finden. Wo wollen wir hin und was brauchen wir dafür? Es gibt unterschiedliche Interessen und jeder will etwas vom Geldtopf. Da muss wieder eine Vision her. 

Vielleicht hat man sich etwas ausgeruht darauf, dass es eigentlich immer zwei Teams gab, die irgendetwas holen werden. Das waren aber immer außergewöhnliche Paarungen. Das gibt es nicht einfach so. Ich habe auch drei Olympische Spiele gespielt, um zu erfahren, was das bedeutet. Dafür braucht man Biss. Das heißt auch, die Hose herunterzulassen und in vielen Bereichen zu arbeiten. Wir müssen auf so viel verzichten, das sehen auch nicht alle. 

Spitzensportlerinnen mit Kindern müssen zwei extreme Anforderungen miteinander vereinbaren: Sie wollen für ihr Kind sorgen, stehen jedoch gleichzeitig unter dem Druck, Höchstleistungen erbringen zu müssen. Wie gut gelingt das mit Teo mittlerweile?

Weil “Morph” (Imornefe Bowes, Ehemann von Ludwig und Bundestrainer, Anm. d. Red.) und ich immer gemeinsam unterwegs sind, wird es noch etwas schwieriger. Es steht und fällt mit unserem Umfeld, mit den Großeltern und unseren Tagesmamas. Bei der einen schläft Teo auch sehr gerne, damit wir auch mal einen Abend frei haben oder ohne ihn zum Training gehen können. Die Aufmerksamkeit gilt erst einmal nur diesem kleinen Wesen. Das macht auch tierisch viel Spaß und bringt Energie, ist aber gleichzeitig auch sehr ermüdend. Wenn wir nur auf uns gestellt wären, wäre das gar nicht möglich. 

Ich kann nicht immer 100 Prozent geben. Das muss man im Beach-Volleyball aber. Wenn ich an das erste Jahr denke, als Teo noch nicht durchgeschlafen hat, weiß ich nicht mehr, wie ich zwei Trainingseinheiten an einem Tag geschafft habe. Man funktioniert als Mama aber auch einfach. Ich muss aber sagen, dass ich meine Gefühle völlig unterschätzt habe. Als ich zum ersten Mal für eine Stunde Sport weg war, war ich völlig fertig. Das spielt sich aber ein. Durch den Sport bin ich auch wieder einfacher in mein Leben gekommen. 

Bietet Teo auf Turnieren eher willkommene Ablenkung oder verursacht Konzentrationsschwierigkeiten? 

Wenn Teo bei Turnieren dabei ist, mache ich mir auf jeden Fall Gedanken um ihn. Wenn er morgens wach wird, kann ich ja nicht einfach liegen bleiben. Gerade in dieser Saison konnten wir ihn ja oft einfach nicht mitnehmen. Da wären wir ihm auch nicht gerecht geworden. Das war aber auch schön, sich dann einfach ins Bett legen zu können oder eine Serie schauen zu können. Die Schokolade zu essen, ohne sie vor ihm verstecken zu müssen. Wenn er dabei ist, freue ich mich aber auch, dass er sieht, was ich eigentlich mache. Auch wenn ihm das aktuell noch ziemlich egal ist.

Sie sprechen offen darüber, dass Sie noch ein zweites Kind möchten und die Familienplanung in den nächsten Monaten wieder in den Mittelpunkt rücken wird.

Ich habe Kerri Walsh Jennings mal gefragt, wie sie das mit drei Kindern macht. Sie meinte, dass mit dem zweiten Kind alles leichter wird. Sie ist aber auch eine absolute Powerfrau. Ich weiß nicht, wo sie die Energie hernimmt. Aber andere Mamas haben das auch hinbekommen. Ich weiß, dass wir es dieses Mal entspannter angehen können. Am Anfang habe ich mir zu viel zugemutet und mich sehr unter Druck gesetzt.. Ich habe mich gefragt, wie ich je wieder in meinen Alltag mit zwei Trainingseinheiten kommen kann, wenn ich jetzt nicht einmal in Ruhe Zähne putzen oder duschen kann. Ich wollte beste Mama und beste Beachvolleyballerin sein. Dann hat mein Papa mich etwas beruhigt, weil er gesagt hat: “Laura, das ist wirklich komplett egal.”

Mit welcher Spielerin es weitergehen würde, ist noch offen. Was ist für die Entscheidung wichtig? 

Also, ich brauche eine Blockspielerin (lacht). Für mich sind Erfahrung und das Mindset wichtig. Auf Persönlichkeiten kann man sich einstellen. Im Gespräch geht es mir eher um gemeinsame Ziele und eine passende Philosophie. Das muss man früh genug steuern, auch weil Paris 2024 schnell wieder ansteht. Gerade kann ich mir aber nichts vorstellen, weil ich so müde von den Erwartungen, Zielen und Planungen bin. Ich bin einfach nur froh, niemandem gerecht werden zu müssen. 

Inwieweit spielt sportlicher Erfolg da noch eine Rolle? 

Wenn ich immer wieder eine Klatsche bekommen würde, würde ich sofort aufhören. Mir macht es Spaß, sich weiterzuentwickeln. Wenn ich stagnieren oder Rückschritte machen würde, würde mich das frustrieren. Wenn ich das noch einmal angehe, dann nur mit 100 Prozent.

Was wäre die Alternative?

Ich habe keinen Plan. Ich werde dem Sport immer treu bleiben, egal in welche Richtung. Psychologie, Ernährung, Kommunikation im Sport, das interessiert mich. Ich würde auch gerne mehr über Trainingswissenschaft lernen. Aber es wird sich bestimmt etwas entwickeln. Ich möchte in jedem Fall weitergeben, was ich gelernt habe. 

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