“Es fehlt nur noch der Startschuss”

Leonie Körtzinger und Sarah Schneider sind als Hoffnungsträgerinnen für Olympia 2024 mit großen Erwartungen konfrontiert. Sie mussten Zweifel überwinden, wähnen sich jetzt aber auf dem richtigen Weg.

Unterschiedlicher Fokus

“Man kann ja viel trainieren, aber man möchte ja auch schauen, ob man das im Wettkampf auch in den Sand bringen kann”, sagt Leonie Körtzinger. Nach über fünf Monaten Pause trat die 23-Jährige zuletzt bei der German Beach Trophy in Düsseldorf an, spielte zuerst mit der Schweizerin Laura Caluori (27), dann mit Mara Betschart (20). Dass ihre etatmäßige Partnerin Sarah Schneider (25) fehlt, war für sie kein Hindernis: “Für mich ist das eine neue Challenge. Ich muss, egal, wer an meiner Seite steht, weiter an mir arbeiten”, betont sie. “Und weil Mara noch etwas jünger ist, konnte ich da noch einmal eine neue Rolle einnehmen.”

Während Körtzinger also die Spielpraxis suchte, musste Sarah Schneider den Wettkampf noch etwas hinten anstellen: “Ich hätte natürlich auch gerne gespielt, aber momentan arbeite ich an vielen kleinen Baustellen an meinem Körper”, erklärt sie. “Wir wollten uns auch unabhängig von der Trophy weiter an unseren Plan halten.” Dass coronabedingt die Turnieruhren momentan langsamer ticken, kommt Schneider deswegen sogar etwas entgegen: “Das macht es natürlich leichter, an gewissen Schwerpunkten geduldiger und stressfreier zu arbeiten. Aber viele Turniere hätten uns in anderen Themen wieder weitergebracht.”

An den Playoffs der Beach Trophy nahm Körtzinger nicht mehr teil, stattdessen
flog das Duo dank einer Sondergenehmigung nach Fuerteventura in das erste Trainingslager des Jahres, im März ist es für die Qualifikation des Vier-Sterne-Turniers in Doha gemeldet. Als immer noch junges Team brauchen Körtzinger und Schneider Wettkämpfe. Auch um zu beweisen, dass sie den Fortschritt, von dem sie glauben, sich in den vergangenen Monaten erarbeitet zu haben, auch umsetzen können. “Ich konnte technisch, athletisch und mental sehr viel lernen”, so Schneider, “ich habe manchmal Schwierigkeiten, Sachen, die ich nicht beeinflussen kann, zu akzeptieren. Das habe ich gerade aber gar nicht mehr.” Auch Körtzinger versucht, positiv zu bleiben: “Ich sehe das als eine große Chance für meine Persönlichkeitsentwicklung. Aber ich brenne jetzt auch darauf, zu schauen, welche der Erfahrungen Hand und Fuß haben.”

Die Zweifel waren da

Das Duo erhielt viel Vorschusslorbeeren, als es sich im Herbst 2018 zusammenfand. Der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) will Körtzinger und Schneider als Hoffnungsträgerinnen für die Olympischen Spiele 2024 aufbauen. Das spricht für viel Vertrauen, gleichzeitig sind daran Erwartungen geknüpft. Daran müssen sich die beiden Sportlerinnen, aber vor allem der Verband amessen lassen. “Es ist wichtig, dass wir einen Umgang mit den Erwartungen, die natürlich an uns gestellt werden, finden. Letztlich sind wir aber selbst unsere härtesten Kritikerinnen und müssen uns die Geduld geben”, sagt Körtzinger.

Vor allem national waren die Erwartungen wohl höher, international sticht der 17. Platz bei der Heim-Weltmeisterschaft hervor. Auch bei Körtzinger und Schneider entstanden Zweifel. “Wir sind unserem Team sehr dankbar, dass die Akzeptanz für zweifelnde Fragen da ist. Manchmal müssen wir Rückschritte in Kauf nehmen, um neue Wege zu gehen”, betont Körtzinger. “Wenn man damit aber keine Erfahrung hat, kann man auch mal ungeduldig werden.”

Nach dem Frust kommt die Erkenntnis

Ein großer Faktor war dafür sicherlich der Wechsel von Schneider vom Block- auf die Abwehrposition. “Mittlerweile möchte ich gar nicht mehr zurück. Weil ich sehe, was für eine Präsenz Leo im Block haben kann, aber auch weil mir Abwehr sehr viel Spaß macht und ich sehe, dass ich mehr Zugriff als im Block haben kann”, sagt sie zwar. Die 25-Jährige steht aber immer noch am Anfang einer Umstellung, sie musste zunächst einige Schritte zurückgehen, um dann wieder einen nach vorne zu machen: “Ich bin 1.85 Meter groß, nicht unbedingt die schnellste und athletischste Spielerin, die viel auf ihr Gefühl hört. Wenn man dann aber die Intuition nach hinten stellen muss, gleichzeitig auf die Technik achten und nach Beobachtung handeln soll, dadurch gefühlt erst einmal nichts mehr hinbekommt, dann kann das sehr frustrierend sein.”

Und auch ohne eine Positionswechsel kann es Jahre dauern, bis eine Abwehrspielerin auf dem hohen Niveau der internationalen Konkurrenz ankommt. Schneider, aber auch Leonie Körtzinger mussten erst einmal die Geduld und Akzeptanz für die Situation finden. “Es war eine Challenge, Sarah die Zeit zu geben, sich neu einzufinden, ich musste mich ja schließlich nicht verändern”, sagt Körtzinger und erklärt: “Wir kommen am besten voran, wenn jede sich auf sich selbst konzentriert, das haben wir in diesem Jahr verstanden. Vorher haben wir schon gemerkt, dass wir uns mit der Dynamik noch nicht ganz wohlfühlen.” Einmal mehr ein Zeichen dafür, dass Beach-Volleyball genauso Team- wie auch Individualsportart ist. Sarah Schneider und Leonie Körtzinger sind sich jetzt aber sicher, dass sie die richtigen Schritte gemacht haben: “Es fehlt nur noch der Startschuss.”

Über das Turnier in Doha

Erstmals findet in Katar ein Turnier für die Frauen statt, nachdem es in den letzten Jahren lediglich für die Männer Events gab. Die katarischen Behörden haben für die Wettkämpfe aber festgelegt, dass die Spielerinnen in Shirts und knielangen Hosen starten müssen. Karla Borger und Julia Sude entschieden sich deswegen gegen eine Teilnahme. "Unser Sport ist verdammt anstrengend«, sagte Borger gegenüber dem Nachrichtenmagazin Spiegel. "Wir passen uns in jedem Land an, wo wir können. Wir sind dazu auch bereit. Aber du bist da in der Hitze am Triefen, alles ist nass. Wir sind es einfach nicht gewöhnt, bei solchen Temperaturen mit dieser Kleidung zu spielen." Es gehe darum, dass sie in ihrer Arbeitskleidung nicht ihre Arbeit machen könne, ergänzt ihre Partnerin. Der DVV unterstützte diese Entscheidung.

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