Grant O’Gorman übersteht Hodenkrebs und fühlt sich nach Selbstfindungsreise noch stärker

Als sei das vergangene Jahr durch Corona nicht schon schlimm genug gewesen, musste Grant O’Gorman aus Toronto (Kanada) es noch härter erleben: Im Mai traf ihn die Diagnose Hodenkrebs.

Beach-Partner Ben Saxton: “Ich denke, die Pandemie hat ihm das Leben gerettet”

Aus der noch so schwierigen Situation positive Schlüsse zu ziehen, hat Grant O‘Gorman perfektioniert. Als der 27-Jährige Beach-Volleyball-Profi mit seinem Teamkollegen Ben Saxton bei der Weltmeisterschaft 2019 in Hamburg bemerkte, dass eine Brustwarze wund und vergrößert war, ahnte er zunächst nichts Schlimmes, wie er gegenüber dem kanadischen Sender CTV News angab. Trotz schmerzender Brustwarze fühlte er sich zu diesem Zeitpunkt nicht krank. “Ich war der Meinung, solange es meine Leistung auf dem Court nicht beeinträchtigt, ist es egal.”, sagte O’Gorman. Auf Drängen seiner Verlobten Isabela Lima konsultierte er dennoch einen Arzt. Die Untersuchung ergab erhöhte Testosteronwerte und Hormone, die normalerweise nur schwangere Frauen haben. Ebenso war sein Sexualtrieb überdurchschnittlich hoch.

Genesung statt Olympia

Der Arzt der Volleyball-Nationalmannschaft in Toronto überwies O’Gorman im Januar 2020 an einen Spezialisten in Vancouver, um per Ultraschall seine Hoden untersuchen zu lassen. Vier Monate sollte es noch dauern, bis der Abwehrspieler die Diagnose Hodenkrebs bekam. Hätte zu Anfang des letzten Jahres die Corona-Pandemie nicht alle Turniere gestoppt, wären O’Gorman/Saxton von Doha über Sydney nach Cancún gereist, um dort zu spielen. Als die Tour im März unterbrochen wurde, befanden sich die beiden zur Saisonvorbereitung in Los Angeles. Viel Zeit, sich um die eigene Gesundheit über die Muskelregeneration hinaus zu kümmern, wäre nicht gewesen. Weil O’Gorman die erste Corona-Welle zuhause verbrachte und der Fokus nicht auf den olympischen Spielen lag, konnte er den Ultraschalltermin vorziehen lassen und erhielt so die Diagnose früher.

Neue Stärke nach überstandener Talfahrt

O’Gorman zieht positive Schlüsse aus der Zeit, die von Unsicherheit und Angst geprägt war. Er beschreibt sie als traurige Phase, aus der er Motivation schöpfen will. Von nun an gehe es nicht mehr nur um sein eigenes Spiel, sondern auch darum, mit seiner Geschichte andere zu animieren, sich um ihre Gesundheit zu kümmern. Gemeinsam mit der Organisation Movember setzt er sich für die Gesundheit von Männern ein und lässt sich als Zeichen einen für das Projekt typischen Schnurrbart wachsen. Movember unterstützt neben Hoden- und Prostatakrebspatienten Männer mit psychischen Problemen. Gegenüber O’Gorman tragen auch die Top-Spieler Jake Gibb (USA) und Abwehrspieler Daniele Lupo (ITA) die Botschaft des Movembers auf ihren Spieler-Shorts. Beide haben in der Vergangenheit ebenfalls den Hodenkrebs besiegt. O’Gorman fordert Männer auf, den eigenen Körper regelmäßig auf Veränderungen zu untersuchen und bei Auffälligkeiten einen Arzt aufzusuchen. Sensibilisiert auch durch die Krebsleiden seiner Eltern sammelt er Spenden und schafft per sozialer Medien Bewusstsein für die Thematik.

Gesundheitsbewusstes Leben und Wiedereinstieg in den Leistungssport

Obwohl er die ersten Symptome bereits im Juli 2019 bemerkte und die operative Entfernung des rechten Hodens erst im Mai 2020 war, breitete sich der Krebs glücklicherweise nicht aus. Seine Blutwerte sind wieder normal und aktuell bereitet er sich mit Saxton auf die Sommerspiele in Tokio vor. Statt einer körperlich überbelastenden Chemotherapie wählte er eine regelmäßige Überwachung durch Blut- und Ultraschalluntersuchungen. Derzeit trainiert er bis zu sechs Tage die Woche im Fitnessstudio. Bei gutem Wetter spielt er am Kitsilano Beach in Vancouver. Zuletzt gingen O’Gorman/Saxton, die seit 2018 zusammen spielen und zu den Top 30 der Welt gehören, im September beim King of the Court-Turnier in Utrecht (NLD) an den Start. Zu ihren größten Erfolgen zählen Gold- und Silbermedaillen bei den World Tour 3-Sterne-Events in Sydney und Edmonton.

Gegenüber der kanadischen Presse sagte Grant O’Gorman: “Meine Gesundheit steht immer an erster Stelle. Jetzt spiele ich nicht mehr nur für mich und Kanada. Ich spiele, um andere zu inspirieren und das Bewusstsein zu verbreiten. Es geht nicht mehr nur um Volleyball.”

Covid-19 hat jeden auf die ein oder andere Art und Weise verändert. O’Gorman sah sich selbst vor der Diagnose als unbesiegbaren Superhelden. Seine Einstellung zu seinem Körper hat sich im Laufe des Jahres gewandelt. “Es ist in Ordnung, nicht in Ordnung zu sein, es ist in Ordnung, etwas zu sagen, es ist in Ordnung, verletzlich zu sein. Das macht uns zu menschlichen Wesen, das ist das Leben.”

Aus den sozialen Medien