Als Zuschauer nach Rio

Nationalteams

Warum die Auseinandersetzung zwischen dem Beach-Volleyball-Duo Karla Borger und Margareta Kozuch und dem Deutschen Volleyball-Verband einen neuen Höhepunkt erreicht hat.

Ein Leibchen weniger, ein glückliches Mädchen mehr

Karla Borger war in dem Moment eigentlich rundum zufrieden, aber eine Sache bereitete ihr doch Kopfzerbrechen. „Wie geht es eigentlich dem kleinen Ballmädchen?“, fragte sie erst mit sorgenvoller Miene und strahlte dann doch im Anschluss, als just in dem Moment das Objekt ihrer Sorge im Sand an ihr vorbeistapfte.

Mit einem Finger tippte sie dem Mädchen auf die Schulter, etwas verdutzt sah es zu, wie sich die um zwei Köpfe größere Borger erst ihre Sweatjacke und dann ihr gelbes Spielerleibchen über den Kopf streifte. „Hey du, es tut mir voll leid“, meinte Borger, verschenkte ihr Trikot und entschuldigte sich dafür, dem Mädchen in der Aufwärmphase des Spiels zuvor mit einem ihrer Angriffe die Brille vom Gesicht geschossen zu haben.

Für den Moment war Borger, 28, wieder zufrieden. Wenn es um ihren Beruf geht, ist es mit dem Verschenken eines Trikots nicht getan, um ihre Probleme aus der Welt zu schaffen. „Ich bin einfach froh, dass wir hier spielen dürfen“, sagte sie beim smart super cup in Münster, den sie und ihre Partnerin Margareta Kozuch, 30, als Drittplatzierte abgeschlossen haben.

Nur als Zuschauer in Rio

Das Lächeln, was sie dabei versuchte, huschte ihr eher gequält über das Gesicht. Als einzige haben sie es geschafft, in dem Turnier die späteren Siegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst zu schlagen. Am Montag werden sie nach Rio de Janeiro fliegen. In der Woche darauf duellieren sich einige der weltbesten Teams dann beim Vier-Sterne-Turnier der FIVB World Tour an der Copacabana.

Borger aber wird das Turnier an dem Ort, wo sie 2016 mit ihrer ehemaligen Partnerin Britta Büthe an den Olympischen Spielen teilnahm, nur aus der Zuschauer-Perspektive erleben. Regulär hat sie sich mit ihrer neuen Partnerin für das Weltserien-Turnier beim Deutschen Volleyball-Verband (DVV) angemeldet und die Reise sowie ein kurzes Trainingslager als Vorbereitung geplant und gebucht. Doch als der Verband in der vergangenen Woche dann die endgültigen Startplätze an den Weltverband FIVB übermittelte, ließ er Borger/Kozuch außen vor.

Bei den Frauen schickt der DVV Laura Ludwig/Kira Walkenhorst, Chantal Laboureur/Julia Sude, Victoria Bieneck/Isabel Schneider und Julia Großner/Nadja Glenzke ins Rennen. Borger und Kozuch hatten fest mit einem Start gerechnet, anhand der gesammelten Weltranglistenpunkte sind sie das viertstärkste Team in Deutschland – und fühlen sich daher um ihren Startplatz betrogen.

DVV-Gremium vergibt Startplätze

„Wir haben beim DVV schriftlich nachgefragt und wollten wissen, warum unser Team vom Turnier in Rio abgemeldet wurde – und haben bis heute keine Antwort erhalten“, sagte Angelina Grün, Teamleiterin von Borger/Kozuch, am Samstag am Rande des super cups in Münster. Und auch wenn Grün es nicht kommentieren will gilt es als sicher, dass man sich im Borger-Kozuch-Lager bereits eine rechtliche Beratung in dem Fall eingeholt hat oder einholen wird.

„Wir haben Borger/Kozuch nicht abgemeldet“, sagt Jörg Ziegler, Generalsekretär des DVV, „wir haben nun mal nur vier Spots. Und die vergeben wir bevorzugt an unsere Nationalteams. Das steht öffentlich in den Durchführungsbestimmungen, das haben wir allen Teams rechtzeitig kommuniziert.“ Für jedes internationale Turnier entscheidet ein Gremium bestehend aus den Bundestrainern und dem Sportdirektor des Verbandes neu über die zu besetzenden Startplätze – der Posten des Sportdirektors Beach-Volleyball ist übrigens seit langer Zeit unbesetzt.

Künkler: Kein „qualitativ hochwertiges Konstrukt“

Die Auseinandersetzung zwischen Verband und dem Team Borger/Kozuch erreichte dadurch freilich nur einen weiteren Höhepunkt. Denn bei der Nominierung für den Status Nationalteam, den derzeit neben Ludwig/Walkenhorst nur noch Bieneck/Schneider innehaben, erteilte der DVV dem neuformierten Team im Frühjahr eine Absage.

Es seien mehrere Fakten, die gegen eine Nominierung sprechen, sagte seinerzeit Andreas Künkler, DVV-Vize-Präsident Beach-Volleyball: „Zum einen die Qualität des sportlichen Umfeldes, also die Trainer und deren Verfügbarkeit. Dann die infrastrukturellen Rahmenbedingungen, d.h. kein fixer Standort in Deutschland wie Bundesstützpunkt oder Olympiastützpunkt mit Optimal-Betreuung für Leistungsdiagnostik, Physiotherapie und Krafttraining. Und auch das Training in wechselnden Umfeldern in Europa sprechen aus DVV-Sicht nicht für ein qualitativ hochwertiges Konstrukt.“

Eine festgefahrene Situation

Angelina Grün bemängelt, ihr Team hätte sich zu einem Zeitpunkt für einen Wechsel nach Hamburg entscheiden müssen, als weder die Frage nach den Bundestrainern noch weitere Voraussetzungen vor Ort geklärt waren. Und dass der DVV sich nicht ausführlich mit den Voraussetzungen von Borger und Kozuch auseinandergesetzt habe, die unter anderem für drei Monate ein Trainingslager mit ihrem argentinischen Trainer Sebastian Menegozzo auf Teneriffa bezogen.

„Natürlich haben wir uns mit dem Team auseinandergesetzt. Das ist nichts, was man zwischen Tür und Angel entscheidet“, sagt Ziegler. Zudem sagt er, dass sich der DVV beim Weltverband FIVB für das Duo und eine Wildcard beim Fort Lauderdale Major eingesetzt habe, die Borger/Kozuch zum Start direkt im Hauptfeld berechtigt hatte.

Die Situation scheint festgefahren, in der Kommunikation miteinander ist offensichtlich einiges schiefgelaufen. Ein so einschneidender Systemwechsel, wie der Verband ihn diesem Jahr vollzog, um international weiter konkurrenzfähig zu bleiben, braucht Zeit, braucht eine gute Moderation, und braucht Kompromissbereitschaft. Schließlich haben sich die besten Sandathleten hierzulande in der Vergangenheit weitestgehend selbst vermarktet und organisiert.

Schwerer Systemwechsel

Man muss in dem Zusammenhang aber auch fragen, ob Borger und Kozuch für ihren Neustart in Hamburg nicht auch gut aufgehoben wären. Denn die Olympiasiegerinnen Ludwig/Walkenhorst (deren bestehende ‚Insellösung‘ wurde vom Verband akzeptiert) und die Weltranglistendritten Laboureur/Sude hatten die besseren Ausgangspositionen ihnen gegenüber – vor allem, weil Kozuch erst aus der Halle in den Sand wechselte.

Und die Trainingsbedingungen, die der Stützpunkt in Hamburg bietet und in dem Ludwig/Walkenhorst ihren Olympiasieg vorbereiteten, sind tatsächlich hervorragend. Das betonen auch die Athleten, die seit Jahresbeginn dort trainieren. Aber dadurch, dass von Beginn an viel Unklarheit bei den Athleten herrschte, hat sich der Verband den Systemwechsel wohl noch selbst erschwert.

Nun sind Borger und Kozuch auch nicht die einzigen, die durch das neue System Probleme bekommen haben. Auch Laboureur und Sude wollen nicht dauerhaft nach Hamburg und weiter in dem Umfeld arbeiten, das sie immerhin bis auf Platz drei der Weltrangliste gebracht hat. Ein Kompromiss scheint möglich, doch auch diese Verhandlungen ziehen sich schon seit einigen Wochen hin.  

Reise nach Rio wird nicht vergeblich sein

Zu wünschen ist allen Beteiligten, dass sie in nächster Zeit eine (Kompromiss-)Lösung finden, auch zum Wohle des Beach-Volleyballs hierzulande. Schließlich würden beide Seiten voneinander profitieren: Borger/Kozuch von dem Status und Leistungen, die sie als Nationalteam genießen würden; der Verband von den (Vermarkungs-) Möglichkeiten, die ein Duo mit diesem sportlichen Potential mitbringt.

Das deutet auch DVV-Generalsekretärs Jörg Ziegler an: „Das Team hat sehr wohl Potential, und kann sich in den nächsten Jahren sicherlich sehr gut entwickeln. Und die Nationalteams unterziehen wir einer jährlichen Prüfung. Also werden wir sehen, was dahingehend passiert.“ Klar ist aber auch, dass entweder Laboureur/Sude oder Borger/Kozuch vom DVV gefördert werden.

Die anstehende Reise nach Rio wird für Karla Borger und Margareta Kozuch trotzdem nicht vergeblich sein. „Wir können dort zwei Wochen mit den besten Teams der Welt trainieren, das ist das, was wir wollen. Wir werden einfach versuchen unsere Leistung zu bringen und werden sehen, was kommt“, sagte Borger.

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