Auch schlimme Momente haben ihre schönen Seiten

Nachwuchs

Tessa Hassenstein gilt als großes Talent, muss sich aber oft mit Rückschlägen auseinandersetzen. Trotzdem glaubt sie an ihren Weg.

Nur Geduld bringt die 17-Jährige wieder zurück in den Sand

In ihrem Blick lag etwas Betrübtes. Während auf den Beach-Volleyball-Courts des Hamburger Olympiastützpunktes rund zwanzig Talente im Rahmen einer Sichtung Anfang Januar gecheckt wurden und sich im Sand mit Bällen austobten, stand Tessa Hassenstein hinter einer Glasscheibe und durfte nur zuschauen.

Sie war wieder einmal verletzt, ein Knochenmarködem am rechten Ellbogen zwingt sie fast drei Monaten zum pausieren. Ein Ende ist erst langsam in Sicht, wahrscheinlich muss sie sich noch bis Ende Januar gedulden: „Deshalb kann ich jetz bei der Sichtung nicht mitmachen”, sagte sie geknickt, sprach’s und verschwand wieder nach Hause. Die gebürtige Hamburgerin hatte es nicht weit bis zum Elternhaus in Uhlenhorst.

Es ist nicht ihre erste unfreiwillige Auszeit. Mit gerade einmal 17 Jahren gibt es in ihrer Krankenakten schon ein paar beschriebene Seiten. In ihrem Steckbrief auf der Website des Deutschen Volleyball-Verbandes hat sie auf die Frage „Mein schönster/emotionaler Moment im Beach-Volleyball” geantwortet: „Die Zeit im Zusammenhang mit der U-18-Europameisterschaft”. Klingt so, als hätte sie dort eine Medaille gewonnen oder zumindest einige berührende Highlights erlebt.

Doch das Gegenteil ist der Fall, und trotzdem ist die Phase so stark hängen geblieben. Mit Paula Schürholz (Düsseldorf) hatte sich Tessa Hassenstein für die U-18-Europameisterschaft im Strandbad Baden in Österreich qualifiziert. Alle Trails hatten sie gemeistert, die komplette Vorbereitung absolviert und zum letzten Feinschliff sollten sie an einem Turnier in Slowenien teilnehmen. Doch im Abschlusstraining kugelte sich Tessa Hassenstein den linken Daumen aus. Vorbei war der Traum von der Europameisterschaft, wo sie ihren ersten internationalen Auftritt hatte erleben wollen.

„Es war trotzdem schön, weil ich gemerkt habe, wie gern ich gespielt hätte und wie sehr ich mich über die Nominierung gefreut habe”, sagt sie. Auch wenn sie geglaubt hat, mit ein bisschen Tapen wird’s schon gehen, nahm sie den Rat der medizinischen Betreuer ernst, besser nicht zu spielen: „Als junge Spielerin sollte man schon darauf hören.”

Wow – der erste Blockpunkt auf einem Center Court der TK Tour

Wenige Wochen später holte sich Tessa Hassenstein auf andere Art und Weise ihr persönliches Erfolgserlebnis. Bei der Techniker Beach Tour auf Fehmarn durfte sie mit Antonia Bartholome per Wild Card des DVV antreten. Im ersten Match trafen sie auf Leonie Körtzinger und Sarah Schneider. Das Duell zwischen Nachwuchs- und Perspektivteam des DVV verlief ungleich: „Wir wurden ganz schön abgeschossen”, sagt Tessa Hassenstein, aber nicht ohne einen ganz besonderen Moment mitzunehmen, „an den ich mich immer erinnern werde”: „Leonie hatte angegriffen und ich den Ball runtergeblockt. Da stehst Du und denkst, wow, auf dem Center Court, gegen eine so erfahrene Spielerin, das sind die Motivationsschübe, die man braucht.”

Auch wenn das zweite Spiel gegen Bieneck/Stautz ähnlich klar (0:2) verlief, freute sich Tessa Hassenstein über die wertvolle Erfahrung: „Ich weiß, dass die Wild Card-Vergabe nicht überall gut ankam, aber für uns als junges Team ist es wichtig, bei der besten deutschen Tour Luft schnuppern zu können.” 

Denn aus dem behüteten Dasein im Bundesstützpunkt Berlin können die Talente gar nicht oft genug herauskommen, so ist es zu spüren. Seit zweieinhalb Jahren lebt Tessa Hassenstein auf dem Gelände des Sportforums Hohenschönhausen. Sie ist mit der Einstellung nach Berlin gegangen, nichts verlieren zu können. „Es war für mich ein riesengroßes Abenteuer.”

Dass sie mal in einem Sportinternat landen würde, dass sie mal vor dem zweieinhalb Jahre älteren Bruder das Elternhaus verlassen würde, darüber hatte sie bis dahin nie nachgedacht. Erst mit zwölf begann sie beim VCO Hamburg Volleyball zu spielen. Tessa Hassenstein wurde schnell zu einer Kadersichtung eingeladen und bekam die Empfehlung, nach Berlin zu gehen. „Das habe ich mir dann angeschaut und wollte es ausprobieren.” Angefangen hat sie als kombinierte Athletin, spielte zwei Jahre in der Halle und probierte sich im Sommer auf Sand aus.

Noch ist ihr der eigene Weg nicht klar, weder, ob sie komplett den Fokus auf Beach-Volleyball setzen soll, noch wohin sie eines Tages sportlich wie beruflich der Weg führen soll. „Ich habe noch viel Zeit”, sagt sie mit gerade einmal 17 Jahren, das Abitur steht erst im Frühjahr 2021 an. Und selbst wenn es die Verletzungen nicht anders zulassen, den schulischen Weg will sie nicht vorzeitig beenden. Klar, es gibt Phasen, in denen „steckst Du in einer Klausurvorbereitung, irgendwas klappt im Training nicht und Du hast gerade Stress mit der besten Freundin.” Aber dann sagt sie sich, dass das wieder vorbei geht: „Dann hast Du den Stoff gelernt, die Übung klappt und der Konflikt ist auch geklärt.”

Ein angenehmes Leben in einem Radius von 500 Metern

Tessa Hassenstein hat sich gern für den Weg nach Berlin entschieden, zumal sie auf dem riesigen Areal am Weißenseer Weg im Bezirk Lichtenberg im Umkreis von 500 Meter alles hat, was sie braucht: „Ich muss das Gelände nicht verlassen, um mein Leben leben zu können.” In Hamburg brauchte sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln rund 50 Minuten bis zur Trainingsstätte. Schon allein wegen der sozialen Aspekte will sie noch in der Halle weiterspielen, sonst „hätte ich ja auch kaum noch Kontakt zu den Hallenspielerinnen”.

Schnell neue Freundschaften zu schließen, damit hat sie kein Problem, das hat sie die Zeit in Berlin gelehrt. Aber so lange sie noch die Ellbogenverletzung ausbremst, muss sie keine Entscheidung fällen – wenngleich sie schon heute glaubt: „Ich sehe meine Zukunft eher bei Beach-Volleyball.”

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