Die lebende Medaille

Porträt Sebastian Fuchs

Wer ist Sebastian Fuchs? Hinter dem neuen Partner von Olympiasieger Julius Brink steckt eine interessante Geschichte und eine bewegende Vergangenheit. Im Gespräch mit beach-volleyball.de spricht Fuchs offen über seine Jugendsünden - und warum er heute als Vorbild taugt. Ein Porträt.

10. Januar 2013

Jonas Reckermann beendet seine aktive Karriere. Julius Auserwählter: Sebastian Fuchs. Ein Neuling? Ein alter Hase? beach-volleyball.de stellt den neuen Partner des Olympiasiegers in einem Porträt vor. 

Sommer 2012

Sebastian lädt zum Frühstück in seine Wohnung ein. So ist das innerhalb der Beach-Volleyball Szene, man kennt sich oftmals schon seit einigen Jahren, vertraut sich, verbringt viel gemeinsame Zeit auf den Turnieren. In dem engen Flur der Berliner Altbauwohnung grüßt der 2,02m große Volleyballer freundlich mit seinen riesigen, schaufelähnlichen Händen. Gleich auf den ersten Blick macht Fuchs jedoch keinen Hehl daraus, wo seine wahre Heimat liegt – sein T-Shirt mit dem Slogan „I love Eckernförde“ verrät es sofort.

Es riecht nach frisch gebrühten Kaffee, aus der Küche surrt der Gasherd beständig. „Ich bin gleich bei dir, die Eier müssten fertig sein“: so klingt ein gut gelaunter Gastgeber. Auf dem Weg durch den Flur in das Wohnzimmer bleibt man zwangsläufig stehen. Zu auffällig sind die großen Kappen, die den Korridor dekorieren. In den Vereinigten Staaten trägt sie gefühlt jeder zweite Jugendliche, ursprünglich kommen sie aus dem Baseball. Die blauen, weißen und schwarzen Kappen stehen für den Sebastian, wie sie ihn alle kennen. Seine Bewegungen erinnern jedes Mal an einen dieser Hollywoodfilme, wo die Jugendlichen zwanghaft versuchen cool auszusehen – viel zu große Shirts über dem Oberkörper, die Jeans hängt bildlich in den Kniekehlen. Sie stehen für den Sebastian, der das vorlebt, was er gerne sein möchte.

Lässig und cool, aber ein Profisportler, egal ob als Hallen- oder Beach-Volleyballer. „Kein Stress“, sind zwei seiner Lieblingsworte. Als Volleyballer ist er mitten im Leben angekommen. Von 2007 bis 2012 spielte er in der Volleyball-Bundesliga, zum Abschluss seines Engagements wurde er Topscorer mit seinem Verein aus Königs Wusterhausen in Brandenburg.

Kein dickes Auto

Und im Beach-Volleyball? Auch hier trauen ihm viele Trainer und Fachleute eine große Zukunft zu. Sicherlich könnte auch er auf internationalen Wettkämpfen eine bedeutende Rolle als Blockspieler einnehmen. Viele sehen ihn auch schon als zukünftigen Partner von Julius Brink, den aktuell wohl besten deutschen Abwehrspezialisten. Fuchs wäre mit seinen 2,02m sowohl athletisch als auch von seiner Einstellung her die ideale Ergänzung. „Zu Gesprächen bin ich generell bereit. Wenn mir jemand sagt, dass er vier Jahre mit mir arbeiten will, dann würde ich das machen“, die von Sebastian angesprochenen vier Jahre ist genau die Zeit eines Zyklus zwischen zwei Olympischen Spielen. Dass er sich das zutrauen würde, zweifelt man nicht eine Sekunde lang an. Selbstbewusstes Auftreten kann arrogant wirken, bei Sebastian fällt es gar nicht auf.

So spricht jemand, der klare Vorstellungen von seinem Umfeld hat: „Ich brauche für alles, was kommt, eine finanzielle Sicherheit. Ich habe mir in den vergangen Jahren einen gewissen Lebensstil erarbeitet, den ich nicht missen möchte.“ Vor dem Mietshaus steht aber kein dickes Auto, die zwei-Zimmerwohnung im Charlottenburger Altbau ist bescheiden, die Möbelstücke zusammengewürfelt. „Ich kann gut leben und mir was zurücklegen“, sagt Sebastian. Er lebt im Hier und Jetzt, „ich fühle mich unwohl dabei, in die Zukunft zu schauen. Träume sind zwar schön, können aber auch schnell zerplatzen. Bisher bin ich damit immer ganz gut gefahren. Ich bin auch keine 18 mehr. Ich habe gelernt, dass der Sport mein Beruf ist.“
 
Mit 15, 16 Jahren den Bezug zur Realität verloren

Das war bei weitem nicht immer so. Passend zum Thema Vergangenheit ändert sich prompt die musikalische Stimmungslage im Raum. Die Musikanlage scheint die Ernsthaftigkeit der Situation erkannt zu haben; „A rainy day in California“ – schwere, tiefe Klavierklänge durchdringen den Raum, sprechen Sebastian in dieser Sekunde aus dem Gemüt. Sebastian holt tief Luft, lehnt sich zurück und sagt: „Zu Hause hat es regelmäßig gekracht. Ich war ganz schlimm.“ Kiffen gehörte damals zum Alltag, die Schule hat er geschwänzt und sich lieber mit Kumpels getroffen. Damals, mit 15, 16 Jahren. „Ich habe echt den Bezug zur Realität verloren. Wenn mich jemand komisch anschaute, habe ich das nicht verstanden.“
Trotzdem wurde er im Nachwuchsbereich im Beach-Volleyball gefördert, wurde als 17-Jähriger Weltmeister in seinem Jahrgang. Einer seiner größten Förderer in seiner Jugend war Lennard Krapp, seinerzeit Bundestrainer im Nachwuchsbereich des Deutschen Volleyball-Verbandes.

„Gleich auf seinem ersten internationalen Turnier gewann Sebastian die Goldmedaille bei der U18-Weltmeisterschaft in Thailand. Wir mussten damals direkt von der Siegerehrung zum Flughafen. Leider waren alle Spieler und Trainer auf dem Rückflug so k.o., dass wir beim Feiern eingeschlafen sind. Als ich während des Landeanfluges auf Helsinki aufwachte, umklammerte Sebastian neben mir im Schlaf immer noch sein erstes und ungeöffnetes Siegergetränk“, erzählt Krapp heute öfter diese Anekdote.

Erst spät hat es „klick gemacht“

Wenn es um den Sport ging, war Sebastian immer voll auf der Höhe. Großes Talent hatte Fuchs schon immer, die richtige Einstellung fehlte Anfangs. Krapp war dennoch zu jeder Zeit überzeugt von dem gebürtigen Eckernförder: „Sebastians großes sportliches Potential hat mir schon beim ersten Aufeinandertreffen vor zehn Jahren imponiert. Alle Trainer auf der Nachwuchssichtung waren sich einig, dass Sebastian im Leistungssport viel erreichen würde. Deshalb nannten wir ihn im Kreis der Trainer seit der Sichtung immer nur ‚die lebende Medaille‘.“
Die ‚lebende Medaille‘ brauchte aber noch einige Jahre, bis sie zu dem Sebastian von heute wurde. „Erst als ich 21 Jahre alt war, hat es ‚klick‘ gemacht. Durch den Volleyball habe ich es geschafft, von der falschen Bahn runterzukommen. Wer weiß, wo ich heute sonst wäre. Sicherlich ganz unten und es könnte schlimm um mich stehen“, sagt Fuchs nachdenklich und nippt an seinem Kaffee.

Heute sind Sebastians Eltern seine besten Freunde, wenn ihm langweilig ist oder ihm etwas auf dem Herzen liegt, sind sie neben seiner Freundin die ersten Ansprechpartner. „Mein Vater hat mir früher immer die richtigen Worte auf den Weg gegeben. Sie konnten damals wenig machen.“  Heute taugt Sebastian als Vorbildfigur: „Wenn man wirklich etwas will, dann kann man das auch schaffen. Man muss es nur wollen, denn wenn das nur von außen an einen herangetragen wird, bringt das nicht viel.“ Trotz schwingt in seiner Aussage mit. Und Stolz. „Man kann sich aus jeder Scheiße ziehen, in die man sich selbst reingeritten hat“, sagt Sebastian.

Das Frühstück ist lange vorbei, während des Gesprächs verputzte er so seine vier, vielleicht auch fünf Brötchen. Zum Abschied posiert er nochmal vor seinen Kappen, die zwei zu einem V gespreizten Finger symbolisieren Gelassenheit und Lifestyle. Der wirkliche Sebastian zeigt sich aber erst nach der Verabschiedung bei leichtem Sonnenschein an der Spree. Er schaufelt sich mit seinen riesigen Händen reichlich Sonnencreme ins Gesicht. „Ich will mich ja nicht verbrennen“, sagt er und schmunzelt. In der Jugend hat sich Sebastian oft - meistens die Finger - verbrannt. Heute weiß er, was er tun muss, um sein Leben zu leben. Hinter der Sonnencreme sieht man immer noch sein Gesicht. Aus seiner Vergangenheit macht jemand, der daraus gelernt hat, kein Geheimnis und rauskommen kann jeder - das ist das, was Sebastian lebt.

Was man aus einem einfachen Frühstück doch alles lernen kann.

Januar 2013

Heute wohnt Fuchs in Köln und stellt sich seinen neuen Aufgaben. "Das ist die Riesenchance, die ich mir immer vorgestellt habe. Ich kann viel lernen und bin gespannt, mich mit den Besten der Welt zu messen. Mir ist bewusst, dass ich jetzt mit meinem Job noch mehr in der Öffentlichkeit stehe, freue mich aber auf das Gesamtpaket."

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