Die Leute machen Party – und am Ende gewinnt Brasilien

Rückblick: WM 1999 in Marseille

Knochenharter Boden, ein Faxgerät als einzige Kommunikation, das erste afro-amerikanische Duo, schweigende Laciga-Brüder: Unser Autor Klaus Wegener erinnert sich, dass bei der zweiten Beach-Volleyball Weltmeisterschaft 1999 in Marseille nicht mal das Eincremen eine Selbstverständlichkeit war.

Marseille sollte neue Maßstäbe setzen

Die Bedingungen waren irregulär. Mistralwinde peitschten im Juli 1999 über den Plage du Prado, dem beliebten Strand im Südwesten von Marseille. Dorthin, wo sonst Drachenflieger und Windsurfer ihre Top-Events austrugen, hatte der Weltverband die zweite Weltmeisterschaft der Beach-Volleyballer verlegt. Die Premiere zwei Jahre zuvor hatte in Los Angeles auf dem Campus-Gelände der University of California vor meist leeren Rängen stattgefunden.

In Marseille sollten neue Maßstäbe gesetzt werden. Der Italiener Angelo Squeo, heute bei der FIVB auch für die Entwicklung von Snow-Volleyball verantwortlich, legte als Supervisor die Messlatte hoch: „Hier werden wir die Tribünen voll haben und dann gibt es beim nächsten Weltserien-Turnier in Marseille auch goldenen Sand.” Normaler Sand hätte es 1999 auch schon getan, stattdessen war der Boden knochenhart und sorgte für Ausfälle. Die Australierin Angela Clarke musste passen, weil nach einer Arthroskopie klar war, dass ihr linkes Knie keine Sprünge mehr auf dem harten Untergrund zuließ.

Bedingungen, die mit denen von heute nicht zu vergleichen sind. Für die 12. Weltmeisterschaft in Hamburg werden Straßen rundum die Gegend am Rothenbaum abgesperrt, für ein paar Millionen Euro wurde zudem das altehrwürdige Tennisstadion modernisiert und das Dach saniert. In der Hansestadt werden mehrere hundert Medienvertreter erwartet. In Marseille waren es nur eine Handvoll, und für die gab es nur dank der rührigen Hilfe des FIVB-Pressesprechers Tim Simmons die Möglichkeit, über dessen Faxgerät in einem kleinen Container Berichte aus Marseille an die deutschen Redaktionen und Agenturen zu verschicken.

„Eincremen, Jungs, Ihr müsst Euch eincremen.”

Am Plage du Prado gab es dagegen mitunter vom Winde verwehte Träume und viele mussten sich auf die Herausforderung erst einmal einlassen können. Eben auch wir Journalisten. Wir wurden beispielsweise von Nationalspielerin Danja Müsch angeraunzt: „Eincremen, Jungs, Ihr müsst Euch eincremen.” Müsch selbst war zu Beginn ihrer Karriere selbst noch als „Whitey” tituliert worden. Mit Partnerin Maike Friedrichsen hatte sie inzwischen die Spielregeln des Treibens unter freiem Himmel verstanden.

Genau wie der Hamburger Sportmediziner Michael Tank, der schon damals Vorträge über die Gefahren von Hautkrebs unter den Beach-Protagonisten mit schockierenden Fotos untermalte. Sehr zum Schrecken der Aktiven: „Bei einem Argentinier habe ich so schlimme Symptome festgestellt, dass ich ihn umgehend zum Spezialisten schicken musste”, berichtete Tank.

Vor zwanzig Jahren lebten noch viele nach der Philosophie des kalifornischen Turnierveranstalters Dave Heiser: „Verbringe jede Stunde am Strand. Verdiene mit Beach-Volleyball viel Geld. Und schlafe mit so vielen Frauen, wie es nur geht.” Für letztere Aussage würde Heiser heute an den Pranger gestellt werden. Aber das mit dem Geld verdienen durch Beach-Volleyball – das gelang damals einigen schon ganz gut.

Die Leute machen Party und am Ende gewinnt Brasilien

Die Brasilianerinnen Behar/Shelda holten sich den WM-Titel durch ein 15:11 (damals wurde nur ein Satz bis 15 gespielt) gegen das US-Duo Jordan/Davis. Behar/Shelda waren die Top-Stars schlechthin. Das Endspiel brachte ihnen 60.000 US-Dollar Preisgeld ein, so viel erhalten auch die Weltmeister in Hamburg. Der Sieg in Marseille war für Adriana Behar nichts Ungewöhnliches: „Es ist wie immer: Die Leute machen Party und am Ende gewinnt Brasilien.” 

Jenny Johnson Jordan und Annett Davis waren das erste afro-amerikanische Duo. Jordan verknüpfte ihren Erfolg mit der Erwartung, „dass nun viele schwarze Mädchen den Schritt zum Beach-Volleyball wagen.” Bis dahin war die Sandvariante Volleyballs in den USA eine Domäne der Weißen.

Behar/Shelda hatten auf dem Weg zur WM-Krone, genauso wie Jordan/Davis, eine Niederlage gegen die Deutschen Meisterinnen Ulrike Schmidt und Gudula Staub kassiert. Die wurden als bestes deutsches Team Fünfte in Marseille. Friedrichsen/Müsch landeten auf Rang sieben; Ines Pianka und Stephanie Pohl hatten die Qualifikation für das 32er-Hauptfeld nicht geschafft.


Für ganz harte: Das YouTube-Video zur WM 1999


Schweigen ist: Silber

Bei den Männern holten sich die Brasilianer Emanuel/Loiola den Titel. Im Endspiel siegten sie gegen die Schweizer Brüder Martin und Paul Laciga, die durch ein im Spitzensport absolut ungewöhnliches Teamverhalten von sich Reden gemacht hatten. Das heißt: Eigentlich durch nicht Reden. Drei Jahre zuvor hatten die Brüder beschlossen, weder privat nicht auf dem Feld miteinander zu kommunizieren. „Das Schweigen des Lacigas” war ein großes Thema. „Wir haben uns damals dermaßen angemotzt und angegiftet, dass wir uns auf dem Spielfeld fast geprügelt hätten”, sagte Paul Laciga.

Seitdem herrschte Funkstille, sehr zum Leidwesen von Mutter Judith: „Die hat schon viele Versuche gemacht, damit wir wieder endlich miteinander reden”, so Paul. Auch Gaby Zallot, Managerin der Schweizer Gipfelstürmer, hatte ihre Mühe mit den Brüdern, „denn jedes Planungsgespräch muss ich mit den beiden getrennt führen.” Immerhin, sagte sie, „ließen sich Sportler mit Macken besser vermarkten.”

Einer, der gern redete war Jörg Ahmann, genannt Vince. Ahmann hatte ein aufbrausendes Temperament, mit dem er nicht nur Linien- und Schiedsrichter verärgerte, sondern auch mal seinen Partner Axel Hager. Nach dem verlorenen Zweitrundenspiel gegen die US-Legende Karch Kiraly (Goldmedaillengewinner 1996 in Atlanta) und dessen Partner Adam Johnson attackierte der „Vince” den „Hägar” derart massiv, dass er in einem einstündigen Gespräch Seelenmassage durch ihren Trainer Burkhard Sude in Anspruch nahm. Am Ende waren Ahmann/Hager als 13. das beste von drei deutschen Teams.

Ahmann, Dieckmann, Scheuerpflug: damals aktiv, heute hinter den Kulissen

Die Bonner Brüder Markus und Christoph Dieckmann waren 25. geworden. Oliver Oetke und Andreas Scheuerpflug, die Nummer drei in Deutschland, hatten sich mit Platz 17 wesentlich besser platziert. Ahmann/Hager schrieben gut ein Jahr später Geschichte, als sie bei den Olympischen Spielen 2000 am Bondi Beach in Sydney Bronze gewannen.

Viele Namen, die schon vor zwanzig Jahren zu den Hauptdarstellern der deutschen Beach-Volleyball-Szene zählten, sind auch heute noch im Geschäft. Ahmann als Nachwuchs-Bundestrainer Beach, Markus und Christoph Dieckmann als Trainer von deutschen und schweizer Top-Teams, Scheuerpflug als Manager, u.a. von Ludwig/Walkenhorst und jetzt Kozuch/Ludwig.

Auch Tim Simmons ist immer noch dabei, in Hamburg bei der WM als Media Delegate der FIVB. Es ist seine 21. Saison, in der er für den Weltverband arbeitet. Der Mann aus Colorado in den USA ist bei fast allen Top-Turnieren dabei. Wenn wir uns sehen, bekomme ich als erstes zu hören: „Ich kriege noch Geld von Dir.” Wegen der Nutzung seines Faxgerätes.

→ Genug von 1999? Alles zur Weltmeisterschaft 2019 in Hamburg findest du hier

Anzeige:

beach-volleyball.de Partner

  • Mikasa
  • Schauinsland Reisen
  • Techniker Beach Tour
  • Die Techniker
  • Website WM