Eine kleine Nation ganz groß

World Tour Finals Hamburg, 15. - 19.08.2018

Vor zehn Jahren spielte Edgars Tocs noch Basketball, heute zählt er zu den besten Beach-Volleyballern seiner Zunft. Die Geschichte seines Aufstiegs zeigt, warum ‚Lion King‘ Aleksandrs Samoilovs und Co. in Lettland Stars sind.

Erst sah er Plavins im Fernsehen bei Olympia – heute spielen sie zusammen

Als die Olympischen Spiele 2008 in Peking liefen, schaute sich Edgars Tocs im Fernsehen an, wie seine Landsmänner Martins Plavins und Aleksandrs Samoilovs bei der ersten Olympia-Teilnahme Lettlands im Beach-Volleyball überhaupt Neunte wurden. Das war maßgeblich verantwortlich dafür, dass der Sport heute in dem kleinen baltischen Staat boomt. Und war der Grund, dass Tocs zum ersten Mal in seinem Leben mit Beach-Volleyball in Berührung kam.

Zu dieser Zeit war er 19 Jahre alt, hatte ein Stipendium an der Uni und spielte Basketball, weil es cool war. Das ist fast auf den Tag genau zehn Jahre her, heute gehört Tocs zu den Top-Spielern der Welt und zeigt seine Qualitäten mit Martins Plavins bei World Tour Final am Hamburger Rothenbaum. Das Duo trifft am Freitagabend (20.45 Uhr) im Viertelfinale auf die Deutschen Julius Thole und Clemens Wickler.

„Als ich das in Peking gesehen habe, dachte ich: Wow, das ist so ein cooler Sport, das will ich auch machen“, sagt Tocs. Im Sommer darauf fing er an, an den Stränden Lettlands zu spielen. Bald darauf suchte er sich einen Coach und begann, halb professionell zu spielen. Im Hallen-Volleyball verdiente er sein Geld, 2012 startete er erstmals auf der World Tour – mit seinem damaligen Partner Rihards Finsters spielte er 18 Turniere, Rang neun war ein einmaliger Ausreißer bei sonst mittelmäßigen Ergebnissen. Und dann ging er All-in.

Job kündigen, Beach-Profi werden

„Dann kam die Anfrage von Martins, wegen dem ich überhaupt erst auf den Beach-Volleyball gekommen bin. Da war für mich klar: Ich muss wie beim Pokern All-in gehen“, erzählt Plavins. Vor der Saison 2018 kündigte er seine zwei Jobs und wurde Voll-Profi, auch wenn er nicht wusste, ob er finanziell überhaupt davon leben kann.

Die Befürchtung erledigte sich schnell: Gleich beim ersten Turnierstart in Den Haag, einem Vier-Sterne-Turnier im Januar, gewannen Plavins/Tocs Gold und 20.000 US-Dollar Preisgeld. Seitdem ist das Duo fester Bestandteil im Hauptfeld der Weltserie, steht auf Rang acht der Weltrangliste. Und Tocs gehört mit zu dem Zirkel von Beach-Stars, die in Lettland berühmt sind. „Naja, so richtig berühmt nicht“, sagt Tocs, „aber es ist schon so, dass die Leute einen erkennen. Aber es ist nicht so krass, wie bei Aleksandrs, bei dem jeder weiß, dass er der ‚Lion King‘ ist“, berichtet Tocs.

Samoilovs, 33, ist wegen seines Jubels so bekannt: Nach Siegen krallt er seine Finger und brüllt wie ein Löwe in Richtung Kamera, Publikum oder was sonst in der Nähe ist und aufmerksam hinschaut. Doch bis zu diesem signature move war es ein langer Weg. Samoilovs erzählt, wie er damals belächelt wurde, als er sich vor 2008 als Ziel setzte, sich für Olympia zu qualifizieren. „Und als wir es geschafft haben, hat niemand mehr gelacht.“ Nach Peking war er auch 2012 in London und 2016 in Rio (jeweils Rang 9) bei den Olympischen Spielen, mit seinem heutigen Partner Janis Smedins wurde er dreimaliger World-Tour-Gesamtsieger und spielt seit Jahren konstant in der Weltspitze mit.

Glückwünsche vom Präsidenten

Den bisher größten Erfolg der Nation landeten aber Smedins und Plavins 2012 bei den Olympischen Spielen in London: Vor 15.000 Zuschauern gewannen sie Bronze und erhielten nur Minuten nach dem Sieg vor laufenden TV-Kameras einen Anruf des damaligen Präsidenten Andris Berzins, der seine Glückwünsche übermittelte.

Wegen der Erfolge von Samoilovs, Smedins, Plavins und jetzt auch Tocs gehört Beach-Volleyball heute neben Eishockey, Fußball und Basketball zu den beliebtesten Sportarten in dem Land, in dem knapp zwei Millionen Menschen leben. „Warst du schon mal in Jurmala? Wenn du da über den Strand gehst, steht alle fünf Meter ein Beach-Volleyball-Netz. Bei der Europameisterschaft im letzten Jahr war ab dem ersten Tag das Stadion bei fast jedem Spiel voll. Und in Lettland gibt es viele wunderbare Strände, auf denen man spielen kann“, sagt Samoilovs.

Bei der EM gewannen er und Smedins Silber und verpassten nur knapp den Titel auf heimischem Boden. Doch nicht erst seit diesem Turnier wird Samoilovs auf der Straße erkannt, vor allem im nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Riga entfernten Jurmala ist er das wohl bekannteste Gesicht der rund 60.000 Einwohner. „Das ist auch eine riesige Verantwortung, die man da hat. Ich kann nicht einfach in einen Club gehen, Bier trinken oder sonst was. Die Leute sehen uns Beach-Profis als Vorbilder“, erzählt Samoilovs.

Und auch dafür lieben die lettischen Beach-Fans ihre Idole. So selbstverständlich, wie Janis Smedins mit seinem kleinen Sohn über das Gelände schlendert, so selbstverständlich tragen viele der mehr als 50 nach Hamburg gereisten lettischen Fans die roten T-Shirts mit den Initialen „SamSme“. Samoilovs/Smedins sind längt eine Marke, Tocs und Smedins sind auf dem besten Weg dorthin.

Infos zu den TV-Zeiten und Livestreams

+++ Newsblog: Gruppenphase der World Tour Finals Hamburg +++

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