Elena Kiesling: Die Vielfältige

Techniker Beach Tour

Elena Kiesling beendet ihre Spielerkarriere. Trainerin, Profilerin, Unternehmerin: Die 38-Jährige hat andere Pläne.

Unverhofft, aber geplant

Es ist eigentlich eine ganz normale Situation, wie sie so oft im Beach-Volleyball vorkommt: Ein Aufschlag kommt kurz in die Mitte zwischen Elena Kiesling und Melanie Gernert, Kiesling geht tief in die Hocke, um den Ball anzunehmen. Dabei knickt aber ihr rechtes Knie leicht nach außen, was sie in diesem Moment noch nicht weiß: Im Oberschenkel ist eine Sehne gerissen. Sie spielt das Spiel noch zu Ende, dann ist schnell klar, dass sie das Turnier der Top-Teams in Hamburg nicht beenden können würde. “So eine schwere Verletzung hätte wahrscheinlich das Karriereende bedeuten können”, sagt Kiesling. Sie aber hatte schon vorher für sich beschlossen, dass die Saison 2020 ihre letzte auf höchstem deutschen Niveau sein würde.

“Ich bin mittlerweile 38 Jahre alt und schaffe es nicht mehr in dem Umfang zu trainieren, wie ich es mal gekonnt habe”, erklärt Kiesling, “ich habe viele andere spannende Projekte. Jetzt kam einfach das Gefühl: Es ist Zeit für etwas anderes.” In diesem Frühjahr übernahm Kiesling den Cheftrainerinnenposten beim Zweitligisten SV Lohhof, bei dem sie schon einige Jahre als Athletikcoach gearbeitet hatte. Sie teilt ihn sich mit der früheren Bundesligaspielerin Claudia Mürle. “Wir haben komplett unterschiedliche Stärken, das ergänzt sich gut. So kann sich auch jede Spielerin das aussuchen, was sie mehr braucht”, so Kiesling.

Ihre Stärke liegt im Coaching, im Mentoring. In ihrer Philosophie geht es “um die Einzigartigkeit von Menschen und die Individualität ihrer Motorik. Es geht darum, Potenziale von Menschen freizusetzen.” Dafür erstellt sie sogenannte Action Type-Profile, schaut, wie sich Spieler und Spielerinnen bewegen, was sie wahrnehmen und welche Emotionen sie dabei zeigen. Daraus leitet sie Trainingsinhalte ab. Insgesamt 16 verschiedene Typen gibt es in diesem Ansatz, der aus der Schweiz stammt und bisher in Deutschland nur wenig Anwendung findet. Überhaupt kommt das mentale Coaching und die Individualität von Motorik hier oft zu kurz, kritisiert Kiesling. “Wir haben viel Volleyball Know-How, aber zu wenig Coaching-Wissen. Vielleicht ändert sich das mit Jürgen Wagner an der Spitze”, sagt sie und betont: “Ich bin absolut überzeugt davon, dass unser Ansatz weiterhilft, gerade wenn man an einem Punkt nicht weiterkommt.”

Erfolgreich in Sand und Halle

Seit 2018 hatte sie mit Melanie Gernert gespielt, die sie “fantastische Abwehrspielerin” bezeichnet, “mit der ich immer mal zusammenspielen wollte.” Sieben Jahre war Kiesling regelmäßig im Hauptfeld der deutschen Turniere unterwegs. Oft sprang sie aber auch als Interimspartnerin ein, bestritt international hochkarätige Turniere u.a. mit Chantal Laboureur, Laura Ludwig und Karla Borger. “Ich bin recht anpassungsfähig und immer bereit, etwas zu lernen. Das waren aber auch immer Spielerinnen, die ein viel höheres Niveau hatten als ich. Da kann es nur Spaß machen”, sagt Kiesling. Mit Karla Borger konnte sie nach einer Verletzung von Britta Büthe 2013 an der Europameisterschaft teilnehmen, sie wurden Neunte. Aber auch in Deutschland stand Kiesling viermal ganz oben auf dem Podium, dazu kommen neun Medaillen. Jahrelang spielte sie außerdem in der ersten und zweiten Bundesliga Hallen-Volleyball.

Dabei hat Kiesling mit 14 Jahren verhältnismäßig spät mit dem Volleyball angefangen, strukturell gefördert wurde sie nie. Erst mit weit über 30 Jahren absolviert sie ihr erstes angeleitetes Beach-Training. “Ich bin sehr froh, wie alles gelaufen ist. Wenn mir aber jemand früher aufgezeigt hätte, wo der Weg im Sand hinführen kann, dann hätte ich die Chance sicher genutzt”, überlegt sie. Diese Erfahrung versucht Kiesling nun, in ihre Tätigkeit als Trainerin mitzunehmen.

Trainerin, Profilerin, Unternehmerin

2006 überzeugt sie einen Trainer in Bad Soden davon, sie die Oberliga-Mannschaft trainieren zu lassen. “Eigentlich hatte ich keine Ahnung. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass man es besser machen kann, als die Trainer, die ich hatte”, erzählt Kiesling. “Also habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen.” Dabei ist Kiesling so erfolgreich, dass sie ein Jahr später Trainerin der Regionalliga-Mannschaft wird, die sie als Spieler-Trainerin bis in die 2. Bundesliga führt. Von 2014 bis 2017 war sie als Bundesstützpunkttrainerin in Stuttgart angestellt, bevor sie sich entschied, nicht länger Teil der Strukturen sein zu wollen. Stattdessen trainierte sie andere Teams, unter anderen trug sie die Verantwortung für das Duo Armin Dollinger/Simon Kulzer. Das Team probierte viel aus, so richtig ertragreich wurde es nie. Bei der diesjährigen Deutschen Meisterschaft wurden sie Fünfte, es war ihr bestes Ergebnis in den letzten drei Jahren. Jetzt spielen beide Spieler mit anderen Partnern zusammen (Paul Becker/Dan John), Kiesling befindet sich mit beiden Duos in Gesprächen. In München betreut sie außerdem noch eine Gruppe an Spielerinnen, die sich aber eher auf mittlerem Niveau bewegen

Das größte Vorhaben ist derzeit aber ein anderes: Mit Liane Weber, ebenfalls Athletiktrainerin und unter anderem bei der Bundesliga-Mannschaft des VfB Friedrichshafen beschäftigt, hat Kiesling vor kurzem ein Unternehmen gegründet. Unter dem Namen “Perform Ready” wollen sie im Sport wie in der Geschäftswelt Workshops und Coaching anbieten und die Philosophie der Action Types verbreiten. “Mir reicht der Volleyball-Kontext nicht aus, High Performing Coaching kann in vielen Bereichen funktionieren”, sagt Kiesling. Das ist ein weiterer Vorteil des geteilten Trainerjobs in Lohhof: Es bleibt genug Raum für andere Projekte. Und Vielfalt und Abwechslung sind wichtig für Elena Kiesling.

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