Gehörlosen-Beach-Volleyball: Höchstleistungen unter dem Radar

Beach-Volleyball für gehörlose Menschen

Marko Sudy und Tobias Franz bilden ein Nationalteam in einer Sportart, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung findet: Wie der Gehörlosen-Sport in Deutschland und in der Welt um Aufmerksamkeit kämpft.

Pläne, die sich in Luft aufgelöst haben

Marko Sudy und Tobias Franz ging es wie so vielen anderen Sportlern und Sportlerinnen in den vergangenen Wochen und Monaten der Corona-Krise. Lediglich Krafttraining in den eigenen vier Wänden war möglich, vielleicht noch Joggen an der frischen Luft. Sie konnten es deshalb kaum erwarten, bis die Beach-Plätze vor einigen Wochen wieder öffneten und sie ihrer Leidenschaft nachgehen konnten: dem Beach-Volleyball. Sudy und Franz bilden ein Gehörlosen-Nationalteam, eigentlich hatten sie große Pläne in diesem Jahr, das ihr erstes als Duo hätte sein sollen.

Ende Mai hätte das Deutsche Gehörlosen Sportfest in Dresden stattfinden sollen, dabei wären auch die deutschen Beach-Volleyball-Meister gekrönt worden. Franz und Sudy wären Favoriten gewesen. Dazu steht für den August die Gehörlosen-Weltmeisterschaft in Polen auf dem Plan. Die ist noch nicht offiziell abgesagt worden, aber beide Sportler gehen nicht davon aus, dass sie durchgeführt wird. Das Team hatte sich viele Gedanken darum gemacht, wie sie Training und Wettbewerb trotz 400 Kilometer Entfernung zwischen ihnen - Sudy lebt in Köln, Franz studiert in Hamburg - auf hohem Niveau bestreiten können - alle Pläne sind nun hinfällig geworden. „Wir gehen davon aus, dass wir erst im nächsten Jahr wieder in die Vollen gehen können”, erzählt Sudy in einem Gespräch, das mit Hilfe eines Gebärdensprachdolmetschers geführt wird.

Wenig ausgeprägte Gehörlosenkultur

In Deutschland gibt es keine offizielle Statistik, die alle Personen mit einer Hörbehinderung erfasst. Seit einigen Jahren meldet der Deutsche Gehörlosen-Bund, dass ungefähr 80.000 Deutsche gehörlos sind. Etwa 200 spielen Volleyball oder Beach-Volleyball, wie die Sparte des Deutschen Gehörlosen-Sportverbandes (DGSV) schätzt, zum Nationalkader gehören neben Sudy und Franz noch fünf weitere Herren und zwei Frauen. Das fünfköpfige Team, das die Volleyball-Sparte der Organisation leitet, arbeitet zumeist ehrenamtlich.

Maik Fischer hat die Technische Leitung im Bereich Beach-Volleyball inne. Die Sportart bietet dem Gehörlosen-Sport den Vorteil, das er im Gegensatz zum Hallen-Volleyball nur zwei starke Athleten benötigt, um erfolgreich zu sein, wie er sagt. „Vor allem hörbehinderte Jugendliche haben dadurch die Chance, in internationalen Wettkämpfen ihre Leistungen zu messen und Erfahrungen zu sammeln, was im hörenden Sport oftmals nicht möglich ist.” Die überschaubare Kadergröße führt außerdem dazu, dass es einen starken Zusammenhalt unter den Gehörlosen gibt.

Der Gehörlosen-Volleyball in Deutschland hat vor allem mit kommunikativen Hürden zu kämpfen: „Immer mehr Kinder wachsen mit einem Cochlear Implantat auf und müssen deswegen die Gebärdensprache nicht lernen. Natürlich ist das ein großer gesellschaftlicher Fortschritt, aber diese Gruppe fühlt sich dann nicht mehr als Teil der Gehörlosen-Welt”, sagt Fischer. Auch weil es oft nur wenig Angebote für gehörlose Kinder in Wohnortnähe gibt, hat der Sport ein Nachwuchsproblem. „Immer weniger Kinder und Jugendliche interessieren sich für Vereinssport”, so Fischer. Zudem werde zu wenig über die Gehörlosenkultur aufgeklärt.

Osteuropäische Länder wie die Ukraine oder Russland sind dem deutschen Gehörlosen-Volleyball voraus. Dort können die Athleten und Athletinnen ihrem Sport oft hauptberuflich nachgehen, weil ihre Leistung vergütet wird und entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. „Jedoch darf nicht vergessen werden, dass die Sportler und Sportlerinnen unter einem enormen Leistungsdruck stehen, da ihre Existenz nur vom Erfolg abhängt”, so Fischer.

Sport auf hohem Niveau – keine finanzielle Grundsicherung

Sudy und Franz betreiben zwar Gehörlosensport auf Leistungssport-Niveau, bezahlt werden sie dafür aber nicht. Sudy ist hauptberuflich Vermessungstechniker, Franz studiert Maschinenbau und steht kurz vor dem Masterabschluss. Sie bekommen Zuschüsse für Lehrgänge, so nennen sie Trainingslager in ihrem Sport, und für Welt- oder Europameisterschaften, aber „uns nur auf Volleyball konzentrieren, das können wir nicht. Davon kann man sich kein normales Leben finanzieren”, sagt Franz.

Der Gehörlosen-Volleyball ist finanziell abhängig von Deutschen Gehörlosen-Sportverband (DGS), dem Dachverband, der vom Bundesinnenministerium gefördert wird. Der Nachwuchsbereich wird hauptsächlich durch die deutsche Sporthilfe gefördert. Im Prinzip gehe es ihnen so wie vielen anderen Sportlern und Sportlerinnen in Randsportarten – ganz egal ob hörend oder gehörlos, sagt Franz. „Um die Sportart voranzubringen, bräuchte es eine finanzielle Grundsicherung.”

Dazu kommt, dass es nur zwei bis drei Gehörlosen-Turniere im Jahr gibt. Würden sich Sudy und Franz auf diese Events beschränken, würde ihnen viel Wettkampfpraxis fehlen. Deswegen nehmen sie auch an regulären Beach-Volleyball-Turnieren teil, zumeist der Kategorie B und A. Sudy war auch schon bei der Deutschen Snow-Volleyball-Meisterschaft dabei. „Der Gegnerpool ist einfach deutlich größer, da kann man viel lernen”, bekräftigt Franz. In den letzten Jahren kämpften bei der Gehörlosen-DM acht bis zehn Teams um den Titel, realistische Chancen hätten aber „vielleicht drei Teams”, sagt Sudy.

Seit einigen Jahren konzentrieren sich beide auf Beach-Volleyball. „Es ist einfach realistischer, im Beach-Volleyball Erfolg zu haben, als sechs gute Spieler zu finden. Außerdem hat es mir auch einfach mehr Spaß gemacht”, so Sudy. Franz ist noch in einem hörenden Hallen-Volleyball-Verein aktiv, um „das Ballgefühl im Winter nicht zu verlieren”, wie er sagt. Was das Leistungsniveau und die Teilnehmerzahl angeht, sei Hallen- mit Beach-Volleyball vergleichbar. „Es gibt zwei Wettbewerbe und auch da ist es in der Regel so, dass nur drei Mannschaften Chancen auf den Titel haben.”

Unter den gehörlosen Volleyballern ist Marko Sudy einer der erfolgreichsten, er holte mit der Hallen-Nationalmannschaft die Bronzemedaille bei den Deaflympics, 2014 holten Sudy und Franz gemeinsam bei ihrem ersten und bis dato einzigen Turnier die EM-Silbermedaille. Der frühere Bundestrainer Johannes Koch, dessen Nachfolge Tonya Williams, eine ehemalige US-amerikanische Volleyball-Nationalspielerin, die lange für den USC Münster aktiv war, angetreten hat, hat den beiden Sportlern empfohlen, wieder ein Duo zu bilden – dieses Mal langfristiger.

„Gebärdensprache ist unsere Wohlfühlatmosphäre"

Ungefähr 15 Prozent der Gehörlosen haben ihre Gehörlosigkeit ererbt. In den meisten Fällen ist die Gehörlosigkeit aber erworben. Vor der Geburt kann der Fötus aufgrund einer Viruserkrankung der Mutter (z.B. Röteln oder Toxoplasmose) oder durch Medikamente geschädigt worden sein. Während der Geburt können Sauerstoffmangel oder mechanische Geburtstraumata Gehörlosigkeit verursachen. Gründe für einen späteren Hörverlust sind häufig Hirnhautentzündungen, Schädelbrüche, Virus-Infektionen wie Mumps oder Masern, chronische Mittelohrentzündungen oder bestimmte Medikamente. In vielen Fällen bleibt jedoch die Ursache der Gehörlosigkeit trotz des medizinischen Fortschritts unbekannt. Bei Sudy merkten die Eltern elf Monate nach der Geburt, dass etwas nicht funktioniert, weil er auf Geräusche wie den Fernseher oder den Schlüssel nicht reagiert hat. Er geht davon aus, seit der Geburt gehörlos gewesen zu sein. Die Eltern von Franz sind gehörlos.

Manche Gehörlose tragen Hörgeräte, um das geringe Resthörvermögen weitergehend zu nutzen. Fast immer können dann laute Geräusche, beispielsweise Autohupen oder Rufe, wahrgenommen werden. Jedoch ist kaum jemals dadurch ein Sprachverständnis oder genaueres Hören gegeben. Das sogenannte „Mundablesen" führt häufig zu Missverständnissen, denn nur etwa 30 Prozent des gesprochenen Wortes kann man tatsächlich absehen, 70 Prozent müssen erraten oder kombiniert werden. „Was ganz klar ist: Vom Mund absehen, ist sehr anstrengend. Gebärdensprache ist unsere Wohlfühlatmosphäre”, betont Sudy.

Untereinander verständigen sich Gehörlose in der Regel in der Deutschen Gebärdensprache, einem visuellen Sprachsystem mit eigener Grammatik. Die Gebärdensprache ermöglicht Gehörlosen eine entspannte und verlässliche Kommunikation. Diese Sprache ist aber noch mehr: Sie bildet die Grundlage einer eigenen Sprachgemeinschaft und Kultur, zu der sich auch Hörende, die die Gebärdensprache beherrschen, zugehörig fühlen. „Wir haben beide auch hörende Menschen in unserem Bekanntenkreis, aber unsere Freunde sind entweder auch gehörlos oder gebärdensprachenkompetent”, erzählt Franz.

Vorteil im Beach-Volleyball ist, dass auch im Hörenden-Bereich oft Handzeichen zur Absprache eingesetzt werden. Lediglich die sogenannten Calls, die im Spiel Hilfestellungen im Angriff bieten sollen, fallen weg. „Da ist man auf sich alleine gestellt und muss mehr selber schauen”, so Sudy.

Das Dilemma der Deaflympics

Ab einem Hörverlust von 55 Dezibel darf man bei Gehörlosen-Meisterschaften teilnehmen, Hörhilfen sind verboten. Das gilt auch für die Deaflympics, die Olympischen Spiele der gehörlosen Menschen. Sie finden seit 1924 alle vier Jahre statt, Winter- und Sommerspiele wechseln sich ab. Damals gab es 148 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus neun Ländern, 2017 waren es im türkischen Samsun 2742 Athleten und Athletinnen aus 86 Staaten. Die nächste Ausgabe soll – planmäßig – 2021 in Brasilien stattfinden. Sudy hat bereits fünfmal in der Halle oder im Sand an den Spielen teilgenommen, Franz ist zweifacher Teilnehmer. Vor drei Jahren belegten sie mit anderen Partnern den fünften bzw. sechsten Platz – sie waren im Ranking die ersten Duos, die nicht aus Russland oder der Ukraine kommen. „Hätten wir eine ähnliche Unterstützung gehabt, hätten wir vielleicht auch da oben stehen können”, glaubt Sudy.

Die Deaflympics bieten gegenüber den Paralympischen Spielen, an denen gehörlose Menschen nicht teilnehmen dürfen, die Möglichkeit, einen Wettkampf ohne kommunikative Hürden erleben zu können. „Es wird auch als wertvoll angesehen, dass man unter sich ist”, erzählt Franz. „Wenn man beim Abendessen auf andere Sportler trifft, quatscht man natürlich auch über seinen Tag. Wie sollte das bei den Paralympics sein? Mit wem soll ich mich denn da unterhalten?” Fischer betont, dass Sinneseinschränkungen wie Gehörlosigkeit wenig Nachteile für die Leistungsfähigkeit haben. „Die meisten Gehörlosen und Hörbehinderten haben keine körperlichen Einschränkungen, die Leistungsbewertung ist so fairer.”

Dem gegenüber steht vor allem die (mediale) Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung, die den gehörlosen Sportlern entgeht. „Zudem sollte man eigentlich Inklusion vorantreiben statt die Exkursion zu beflügeln, indem Gehörlose und Menschen mit körperlichen Einschränkungen unter sich bleiben”, sagt Fischer. Von Weltspielen seien sie noch weit entfernt.

Dabei gehört der deutsche Verband zu denjenigen, die eine Zusammenlegung von Deaflympics und paralympischen Spielen unterstützen. „Es ist nicht schwierig, ein faires Bewertungssystem einzuführen, es gibt schließlich schon jetzt Differenzen in den Leistungsniveaus”, so Fischer, „der Gehörlosen-Sportverband wäre garantiert bekannter und populärer.” Ersparnisse bei gemeinsamer Nutzung der Wettkampfstätten, gemeinsame Sponsoren, Auf- und Erweiterung des Netzwerkes: Die Vorteile für den Verband liegen auf der Hand. Mehr Aufmerksamkeit würde sich Fischer auch von den Schulen und Regelvereinen wünschen.

Gemeinsam auf dem Platz standen Marko Sudy und Tobias Franz noch immer nicht. Für die Beach-Volleyballer geht es jetzt aber erst einmal darum, positiv in die Zukunft zu blicken und zur Normalität zurückzufinden: Bevor sie als Nationalteam irgendwann ihr Projekt noch einmal angehen können.

Wie findet ein gehörloser Mensch einen Volleyball-Verein für sich?

Fischer: Ob ein gehörloser Mensch einen gehörlosen Verein findet, hängt davon ab, wo man wohnt. Leider sind die gehörlosen Volleyball-Vereine sehr gestreut. Wenn man in Naumburg wohnt, muss man zum Beispiel zum Training nach Halle fahren.

Wenn sie im nationalen Kader spielen wollen, müssen sie in einem Hörenden-Verein spielen. Oft haben sie es nicht leicht, aufgenommen werden. Trainer, die noch nie mit Gehörlosen in Berührung kamen, sind meist total verunsichert. Dennoch schaffen es viele Gehörlose, einen Platz zu bekommen. Sie geben nicht so schnell auf. Einige gehörlose Volleyballer und Volleyballerinnen, die bei uns aktiv sind, spielen Punktspiele im hörenden Verein.

Es gibt viele CI- Träger oder Leichtschwerhörige, die keine Gebärdensprache können oder die gehörlose Welt nicht kennen. Daher trauen sich nicht viele, bei einem gehörlosen Verein anzufragen. Dazu kommt auch, dass man erst ab 55 Dezibel bei der gehörlosen Meisterschaft oder Nationalmannschaft teilnehmen darf.

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