Gesucht: Kandidaten für olympische Glanztaten

 

Am zentralen Bundesstützpunkt in Hamburg werden nach Tokio Plätze neu vergeben. Bei einer Sichtung wurden rund 20 Talente von Experten kritisch unter die Lupe genommen.

Nach den Spielen 2020 wird es Umbrüche bei den Nationalteams geben

Es regnete in Hamburg, der Himmel war zugepackt mit Wolken. Kein Wetter für Beach-Volleyball und trotzdem drehte sich in den ersten Tagen des neuen Jahres einiges rund um das Treiben im Sand. Der Deutsche Volleyball-Verband hatte rund 20 Nachwuchsspieler- und spielerinnen aus ganz Deutschland zu einer Sichtung vom 2. bis zum 5. Januar am Olympiastützpunkt Hamburg eingeladen. Talente, die schon in Stützpunkten leben wie die Pfretzschner-Brüder Lukas und Simon, Talente, die das System bisher nur vom Hörensagen kannten wie die 16-Jährige Elisabeth Kerscher aus Vilsbiburg. 

Niclas Hildebrand, Beach-Sportdirektor im DVV, hatte als Zielsetzung formuliert, „Athleten zu finden, mit denen wir die nächsten Olympia-Zyklen für 2024 und 2028 am zentralen Erwachsenen-Stützpunkt für Beach-Volleyball in Hamburg angehen werden.” Denn der Verband muss sich auf die Zeit nach den Sommerspielen in Tokio 2020 vorbereiten, wenn es garantiert Umbrüche bei den aktuellen Nationalteams geben wird. Noch weiß niemand, wie sich Laura Ludwig, Margareta Kozuch, Julia Sude, Karla Borger und andere entscheiden werden. Eins ist sicher: „Am zentralen Erwachsenen-Stützpunkt für Beach-Volleyball in Hamburg ist Platz für maximal acht Athleten pro Geschlecht und Hamburgs Innen- und Sportsenator Andy Grote hat bereits im Rahmen des nächsten Olympischen Zyklus die maximale Unterstützung für Beach-Volleyball zugesagt”, so Hildebrand.

Unter den kritischen Augen zahlreicher Experten

Motivation genug für die Talente, sich von ihrer besten Seite den strengen Augen erfahrener Trainer zu präsentieren, denn die waren in einer Vielzahl vertreten. Gemeinsam mit Jürgen Wagner, Deutschlands erfolgreichstem Beach-Volleyball-Coach hatte Hildebrand alle Bundes- und Nachwuchs-Bundestrainer versammelt. Bis auf den im Jahresurlaub weilenden Jörg Ahmann sowie Imornefe Morph Bowes und Helke Claasen, die mit Kozuch/Ludwig auf Teneriffa trainierten, waren sie alle dabei. Zudem Gast-Experten wie Markus Dieckmann und Kira Walkenhorst, Olympiasiegerin und Weltmeisterin, die vor Ort ihre erste Balltrainings-Einheit mit den Talenten durchführte. 

Zwischendurch tauchten weitere große Namen auf: Julius Thole und Clemens Wickler, die WM-Zweiten im letzten Jahr, die Nationalspielerinnen Sandra Ittlinger, Victoria Bieneck, Isabel Schneider. Sie trainierten in unterschiedlichen Kombinationen, Ittlinger beispielsweise übte unter der Führung von Markus Dieckmann mit Thole/Wickler.

Mit Milchmädchenrechnungen kommt keiner an die Spitze

Die aktuellen Stars nahmen sich auch Zeit, ihren möglichen Nachfolgern aus ihrem Profi-Leben zu erzählen. Wickler machte das für die Jungs, Bieneck/Schneider für die Mädchen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen: „Zu glauben, man gewinnt von Anfang an das große Preisgeld und kommt super klar auf der World Tour, das ist eine Milchmädchenrechnung”, sagte Victoria Bieneck. Vielmehr ist es ein Leben dauernd auf Achse, mit extremen Anforderungen, mit Verzicht, Frust und Leiden: „Es gibt viele Momente, wo Du auch mal keinen Bock hast”, so Bieneck. 

Die Stars von morgen waren wissbegierig. Sarah Schulz, mit Partnerin Julika Hoffmann Fünfte der Techniker Beach Tour in Düsseldorf und 13. bei den Deutschen Meisterschaften, wollte wissen, „wie Bieneck/Schneider in den internationalen Bereich reingekommen sind, weil das für uns in der kommenden Saison ansteht. Den Einstieg bei der nationalen Tour haben wir geschafft, jetzt wollen wir den nächsten Schritt machen.” Schulz lebt aktuell am Stuttgarter Stützpunkt, kann „sich aber auch einen Wechsel nach Hamburg vorstellen.”

Genauso wie Svenja Müller, die in der Halle beim Drittligisten TV Hörde spielt und klare Vorstellungen hat: „Nach dem Abitur will ich auf jeden Fall nach Hamburg und habe mich schon bei der Polizei beworben. An meinem Wohnort in Dortmund ist es schwer, alles zu verbinden. Zum Ball- und Krafttraining muss ich immer nach Düsseldorf fahren.” Das hätte sich mit einem Umzug in die Hansestadt erledigt: „Hier ist alles auf einem Fleck und es gibt optimale Bedingungen.” 

Alle Elemente wurden abgefordert

Im Rahmen der Sichtung wurde ihr und all den anderen Mitstreitern viel abverlangt, was auch Simon Pfretzschner nur unterstreichen konnte. „Am ersten Tag war die Stimmung sehr angespannt, aber nach und nach wurden wir lockerer.” Jeweils zwei Themenblöcke wurden an einem Tag in anderthalbstündigen Einheiten trainiert, mal Zuspiel und Angriff, mal Flatteraufschlag und seitliche Annahme. Dazu kamen Turnierformen sowie viele Einzelgespräche. Den Plan hatten Hildebrand, Wagner und Bernd Schlesinger (Trainingswissenschaftler am OSP Hamburg) erstellt. Für Hildebrand war es wichtig, eine Vorstellung davon zu vermitteln, was es heißt, sich für den Weg in den Profisport zu entscheiden: „Jeder reagiert unterschiedlich darauf, wenn er künftig zehn Mal in der Woche trainieren und in Hamburg leben soll, wenn er das gewohnte Umfeld von Familie, Freunden, Verein verlassen soll.”

Von Wagner bekamen sie zudem Einblick in seine Lieblingsthemen wie Eigenverantwortlichkeit, Bewusstheit, Selbststeuerung und Handlungsorientierung. Wagner hat viele Top-Teams in die Spitze begleitet wie Ludwig/Walkenhorst zu Olympia-Gold 2016 in Rio. Deren „Weg zu Gold”, festgehalten in einer Film-Dokumentation, wurde den Talenten am ersten Abend vorgeführt, um zu zeigen, dass „es ein sehr harter Weg ist, der viel Einsatz verlangt, der aber sehr viele Glückserlebnisse vermitteln kann.” 

Wagner hatte auch die ersten Sichtungen des DVV in den Jahren 2013 und 2015 begleitet und zog als Fazit der dritten Auflage, „dass es in der Breite die qualitativ beste Sichtung war.” Zudem gab es einen willkommenen Nebeneffekt: „Der Austausch unter allen Trainern war toll und spannend.” Ein Aspekt, der für Wagner und Hildebrand wichtig ist, um „eines Tages nach einer einheitlichen Beach-Volleyball-Philosophie arbeiten zu können.”

Entscheidungen fallen erst in ein paar Monaten

Nun werden die Erkenntnisse gesammelt. In die Entscheidung fließen die Werte der komplexen Leistungsdiagnostik ein. Dazu kommen die Daten aus der Arbeit mit den Bundestrainern vor Ort sowie die sportliche Entwicklung bei Wettkämpfen. Wer sich dann am Ende über einen Platz in Hamburg freuen kann, wird erst nach dem Sommer feststehen. Wenn die Spiele in Tokio gespielt sind und die aktuellen Nationalteams ihre Zukunft geplant haben. Bis dahin heißt es, Geduld zu haben, konsequent auf dem eigenen Weg zu bleiben und durch sportliche Leistung seinen Anspruch auf einen Platz in Hamburg zu untermauern.

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