„Ich bin harmoniebedürftig“

Interview mit Tim Holler

Tim Holler tritt bei der diesjährigen Deutschen Meisterschaft als amtierender Champion an. An der Seite seines Kumpels Lars Lückemeier sind die Vorzeichen im Vergleich zum Vorjahr zumindest mental ganz andere.

Im Achtelfinale

Tim Holler und Lars Lückemeier sicherten sich am Samstagmorgen durch einen 2:0-Sieg (21:11, 21:9) gegen Lucas Mäurer und Dirk Westphal den Gruppensieg. Das Duo ist damit unter den besten fünf Teams in Timmendorfer Strand. beach-volleyball.de hat Tim Holler getroffen – ein Gespräch über Harmoniebedürftigkeit, Hochzeiten des besten Freundes und einen sehr komischen Kopf.

beach-volleyball.de: Hallo Tim, die erste Saison nach deinem Deutschen Meisterschaftstitel 2017 neigt sich mit der Deutschen Meisterschaft dem Ende entgegen. Im vergangenen Jahr wurde zu gleicher Zeit die Entscheidung getroffen, dass du nicht mehr Teil des Nationalkaders sein wirst.

Tim Holler: Das ist alles komplizierter gewesen. Die Entscheidung ist nicht ausschließlich vom Verband getroffen worden. Für hat mich hat das zentralisierte System in Hamburg einfach nicht funktioniert. Ich habe mir selbst die Frage gestellt, ob ich das weiter machen möchte. Deswegen war das keine Entscheidung, die mich aus meinem damaligen Leben gerissen hat.

Heißt das, dass du ohnehin kürzer treten wolltest?

Die Saison war nicht einfach. Clemens (Anm. d. Red.: Wickler, damaliger Partner von Holler) und ich hatten in diesem Jahr nur drei Turniere gemeinsam gespielt. Gerade in einer Sportart wie Beach-Volleyball, in der du nicht ausgesorgt hast, wenn du eine gute Saison gespielt hast, darfst du Faktoren wie das Studium nicht vernachlässigen.

Was hat dich denn konkret am zentralisierten System gestört?

Ich hatte mit Clemens einen tollen Partner – es gibt wahrscheinlich keinen besseren in Deutschland – und ich hätte gerne mit ihm weiter gespielt. Sobald man aber die Entscheidung trifft, begibt man sich in ein System, in dem man nur bedingt selbst mitbestimmen kann wie es weiter geht. Natürlich profitiert man davon, dass man Trainer gestellt bekommt, finanziell unterstützt wird und mit sehr guten Teams trainiert. Aber ich begebe mich in fremde Hände, Partner werden hin- und hergeschoben und dann fliege ich raus. Und das obwohl ich nur sechs Monate zuvor mein Studium aufgegeben hatte, meine Familie und meine Freundin zurückgelassen und in der Saison nur drei Turniere mit Clemens gemeinsam gespielt habe, weil er verletzt war. Das sind Dinge, die mir schwer gefallen sind. Ich bin harmoniebedürftig, für mich muss das schon passen. Insofern ist das gut, dass ich jetzt wieder nach Hause gegangen bin und mein Studium fortsetzen konnte.

Konntest du in dieser Saison freier aufspielen?

(lacht) Nein. Das wurde ich vor einem Jahr bei der DM schon gefragt, so denke ich aber gar nicht. Es ist zwar deutlich entspannter, dennoch muss ich auch sagen, dass ich ein sehr selbstkritischer Mensch bin und in dieser Saison deutlich weniger trainiert habe als im letzten Jahr. Diese Kombination lässt die Schere zwischen Erwartungen und der eigenen Leistung größer werden. Da musste ich eher zurückschrauben. Das ist aber in Ordnung und verlernt habe ich es ja auch nicht.

Wie würdest du dein erstes gemeinsames Jahr mit Lars Lückemeier bilanzieren?

Lars ist ein super Partner. Es war am Anfang der Saison manchmal schwer, weil ich ziemlich viel Zeit in mein Studium investiert habe und alle meine restlichen Klausuren geschrieben habe. Ich habe mir auch für einiges die Zeit genommen, die ich im vergangenen Jahr nicht hatte, wie beispielsweise die Hochzeit meines besten Freundes. Dann habe ich in diesem Jahr drei Turniere (Münster, Düsseldorf, Nürnberg; Anm. d. Red.) weggelassen, für die Klausuren für mein Wirtschaftsingenieurswesen-Studium gelernt und so mal einen richtig stressigen Alltag gehabt. Ich fange auch nächsten Montag mein Praxissemester bei Daimler im Großraumbüro an – mal schauen, wie das wird (lacht). Und zu Lars: Wir kennen uns schon sehr lange und sind immer schon gute Freunde gewesen. Geographisch ist diese Kombination natürlich auch super, er wohnt bei mir um die Ecke. Er ist ein geiler Spieler, der in den letzten Jahren Pech hatte mit Verletzungen. Insofern freut es mich, dass er mal eine Saison schmerzfrei spielen konnte. Wir sind einmal Zweiter und vier Mal Fünfter geworden in dieser Saison.

Ich kann mich an eure Viertelfinalniederlage in Leipzig erinnern. Da war Lars danach ziemlich verärgert und du meintest, dass du gar nicht verstehen konntest, was los war.

Lars war da zu verbissen, ich kenne das von mir. Das spiegelt mein ‚Ich‘ von früher wieder. Ich konnte zehn Dinge gut machen, sobald jedoch eine schlechte Sache kam, habe ich das breit getreten. In dieser Situation hat sich Lars dann über eine Sache aufgeregt, weil das Feld schief war, dann hat das für ihn nicht funktioniert und das hat ihn das so fertig gemacht, dass er in eine Spirale geraten ist. Ich bin leider auch ein Spieler, der ihn da nicht herausziehen kann. Mich stört das nicht großartig, aber ich habe da nicht die Kapazität, ihm zu helfen und das ärgert mich schon ein wenig – das war unnötig.

Du hast gesagt, dass du ein sehr selbstkritischer Mensch bist. Was sind denn deine Schwächen?

Ich habe einen sehr komischen Kopf. Das ist vielleicht auch ein Grund, wieso das mit dem System nicht funktioniert hat. Es ist im Vergleich zu früher schon viel besser geworden. Ich habe aber beispielsweise manchmal Schutzmechanismen, über die ich schon mit so vielen Mentalcoaches geredet habe, dass ich mich dann sehr stark über Sachen aufrege. Ich werde dann nicht extrem schlecht, aber ich wirke nach außen katastrophal und wenn du einen Partner hast, der Unterstützung braucht, ist das schlimm. Das ging dann teilweise so weit, dass ich im Halbfinale der Studenten-Weltmeisterschaft stand und eigentlich lieber zuhause gewesen wäre. Das ist für viele andere Sportler überhaupt nicht nachvollziehbar.

Was siehst du als deine Stärken an?

Ich glaube, dass diese Schwäche auch ein halber Vorteil sein kann, manchmal zumindest. Denn dadurch bleibe ich in stressigen Situationen cool und bin ziemlich druckresistent. Bis auf das Finale im vergangenen Jahr hier in Timmendorf - da hatte ich die Hosen voll.

Wie sieht es in der Zukunft mit euch beiden als Team aus?

Wenn ich es wüsste, würde ich es gerne verraten. Wir haben uns aber noch nicht zusammen gesetzt und aufgrund meines Praxissemesters und weil Lars ein Pharmazie-Studium beginnt, könnte es schwierig werden. Wenn wir jedoch weiter machen, dann würden wir schon gerne zusammen spielen.

 

 

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