"Ich dachte, sie wären wahnsinnig"

Interview mit Trainer Jürgen Wagner

Vier Frauen- und zwei Männerteams starten im Hauptfeld beim Moskauer Grand Slam. Die Teilnahme von Ludwig/Walkenhorst wurde mancherorts infrage gestellt. Deutschlands erfolgreichster Trainer Jürgen Wagner spricht im Interview darüber, warum mit den beiden zu rechnen ist.

Kritik ist Unterstützung

Als Chantal Laboureur und Julia Sude plötzlich in der Qualifikation für den Grand Slam in Moskau standen, reagierten DVV-Vize-Präsident Beach, Andreas Künkler und Nachwuchs-Bundestrainer Jörg Ahmann gleich: "Das bedeutet vielleicht, dass Laura Ludwig und Kira Walkenhorst nicht spielen", sagten beide. Chantal und Julia hatten in der Country Quota gegen Victoria Bieneck und Julia Großner verloren, und eigentlich darf nur ein Team einer Nation in der Qualifikation antreten, wenn schon drei weitere im Hauptfeld gesetzt sind. Also war die Idee gar nicht so abwegig, dass Holtwick/Semmler, Borger/Büthe oder eben Ludwig/Walkenhorst möglicherweise einen Platz frei gemacht haben.

Warum Andi Künkler und Jörg Ahmann sofort Ludwig/Walkenhorst im Kopf hatten, liegt auf der Hand. Erst vor wenigen Wochen verletzte sich Kira am Knie und musst pausieren. Doch das Duo ist startklar. Im Interview spricht ihr Trainer Jürgen Wagner über die Unterschiede im Männer- und Frauenvolleyball, hohe Erwartungen und den Mut, Gewohntes infrage zu stellen.

Zur Person: Jürgen Wagner, 59, hat eigentlich alles erreicht. Als Trainer von Julius Brink und Jonas Reckermann gewann er 2012 Olympiagold in London. Ohne die Anfrage von Laura Ludwig und Kira Walkenhorst würde der Geschäftsführer von ballsportdirekt im Sommer vielleicht mal Urlaub machen - doch seine Frau ahnte schon, dass es anders kommen würde.

Herr Wagner, warum haben Sie sich, nachdem das große Projekt Olympiagold abgeschlossen war, nochmal motiviert, mit Laura und Kira neu zu starten?
Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich war beeindruckt, wie interessiert die beiden waren. Das Gespräch in meinem Haus in Moers dauerte vier Stunden. Da haben die Köpfe schon geraucht, und ich dachte eigentlich, nach dem, was ich ihnen erzählt habe, von der Philosophie oder was meine Denke über Volleyball ist, wären sie wahnsinnig, wenn sie es machen wollen.

Warum?
Naja, da ist jemand die beliebteste Spielerin in Deutschland, war Fünfte bei den Olympischen Spielen, hat schon viele Titel in Deutschland geholt, und ich sage ihr eigentlich: „Da ist vieles gar nicht gut, was du da machst.“ Ich habe ihr gesagt, dass das normalerweise frech ist, und wenn es nicht darum gehen würde, über so einen langen Zeitraum zusammenzuarbeiten, würde ich so etwas auch nie äußern. So aber habe ich versucht, ihr das zu belegen und anhand von Beispielen zu erläutern. Und das ist eigentlich der Punkt, an dem solche Typen dann sagen: Nee, dich brauch ich nicht.

Laura Ludwig sagte stattdessen im Gespräch mit beach-volleyball.de, dass sie kaum fassen kann, zehn Jahre so im Sand umher gesprungen zu sein, und all diese Dinge gern schon viel früher gewusst hätte. Wie kann man denn auf dem Topniveau mitspielen, wenn man so viel verkehrt macht?

Wenn man ein begnadetes Talent ist. Laura hat eine extreme Spielfähigkeit, so etwas besitzen vielleicht noch zwei, drei Spielerinnen auf der Welt. Damit kann man natürlich bis zu einem bestimmten Level sehr gut mitspielen. Aber wenn ich doppelt so hart schlagen und in der Handlungshöhe zehn Zentimeter gewinnen will, dann schaffe ich das nicht durch normales Training. Man kann sich, wenn man gut trainiert, drei Zentimeter im Jahr verbessern. Das hört sich wenig an, ist aber schon eine Etage im Beach-Volleyball. Laura hat ihre Technik komplett verändert, auch die Absprungtechnik verändert, und da sicherlich auch noch einmal fünf Zentimeter rausgeholt. Jetzt hat sie eine ganz andere Handlungshöhe.

Wie sind Sie das angegangen?
Da steckt in der Hauptsache Hans Voigt dahinter, bei dem ich ja auch Athletik gelernt habe. Er ist auf dem Gebiet eine Koryphäe. Insgesamt bin ich beeindruckt, wie viel - auch in der Halle - im Frauenbereich vernachlässigt wurde, weil man viele Sachen ganz einfach vom Männervolleyball hätte übernehmen können. Zum Beispiel taktische Varianten insbesondere in der Block-Abwehr-Koordination. Wir versuchen schon einige Sachen mit aufzunehmen aus dem Männervolleyball, natürlich nur, wenn sie übertragbar sind.

Wenn man alles umlernt, und dann vielleicht vieles nicht klappt, wie groß ist die Gefahr sich davon frustrieren zu lassen?
Ja, das ist extrem schwierig. Man muss damit umgehen können, dass man eigentlich alles korrigiert bekommt, und es funktioniert nur, wenn man vorher sehr gut klärt, dass die Kritik eine Unterstützung ist. Ich sage ja niemandem gern, dass er etwas falsch macht, darüber freut sich keiner. Aber Laura ist zum Glück sehr bewegungstalentiert und hat die Bewegung ziemlich schnell „gefühlt“. Und wenn man dann als Spieler merkt, die Netzkante ist plötzlich weiter unten, dann ist das so ein geiles Gefühl, das will man dann für immer haben.

Würden Sie sagen, dass es für Kira einfacher war, weil sie noch nicht so lange im Sand war, und noch nicht so viel spezifisches Beach-Volleyball-Training hatte wie Laura?
Nein, für Kira ist es eigentlich deutlich schwieriger, weil sie aufgrund ihrer Hebelverhältnisse andere Beschleunigungsverhältnisse hat. Sie ist koordinativ sehr begabt, und ich kenne kaum eine Spielerin, die sich bei den Hebelverhältnissen und der Körpergröße so gut bewegt. Aber bedingt durch diese genetischen Voraussetzungen hat sie es deutlich schwerer. Und dazu kommt, dass Laura ein paar Vorteile hat – zum Beispiel ihre sehr gute Auge- und Hand-Koordination. Sie sieht etwas und handelt, das geht so schnell bei ihr. Über ihr Talent oder ihre Genetik ist sie da extrem bevorteilt, wobei ich klar darstellen möchte, dass Kira ebenfalls ein Riesentalent ist, nur mit anderen Voraussetzungen.

Macht Kira sich deswegen Druck -  wie können Sie ihr dabei helfen, mit sich geduldig zu sein?

Es ist sicherlich nicht Kiras Lieblingsthema, mit sich geduldig zu sein. Perfektion anzustreben ist als Ziel an sich gut, das braucht man auch, um so hart arbeiten und sich motivieren zu können. Ein falscher Ratgeber ist sicherlich, wenn man sich frustrieren lässt, weil man etwas noch nicht perfekt macht. Frust hemmt die Nervenreizleitungsgeschwindigkeit und damit die Bewegungsqualität, Frust zieht mich runter. Frust durch Eigenfehler ist schon ein großes Thema, an dem wir viel arbeiten.

Schauen Sie sich auch bei anderen Teams etwas ab?
Bei anderen Teams versuche ich, nichts zu beurteilen, weil wir einen total anderen Ansatz haben. Ich kenne viele Ansätze, habe mich auch viel mit amerikanischen oder brasilianischen Ansätzen beschäftigt. Da gibt es auch Sachen, die sehr gut sind.

Was zum Beispiel?
Die Brasilianer arbeiten extrem wiederholungsorientiert, nicht unbedingt über Bewegungslernen. Sie können daher einen bestimmten Rhythmus sehr gut spielen. Wenn man sie aber aus diesem Rhythmus bringt, hat man ganz gute Chancen, sie auch zu schlagen. Sie sind sehr geprägt von eher weniger Eigenverantwortung und weniger eigener Entscheidungsfindung. Das sind genau die Themen, die wir anstreben: Die Eigenverantwortlichkeit der Spieler ist extrem wichtig, außerhalb und auf dem Court. Rhythmusveränderungen und Technikanpassungen müssen bewusst passieren, und dürfen nicht nur automatisiert ablaufen.

Sie setzen immer wieder neue Akzente im Beach-Volleyball. Woher nehmen Sie die Ideen?
Manchmal muss man sich einfach mal hinsetzen und einfach ein paar Stunden nachdenken. Man beschäftigt sich beispielsweise mit Ballfluggeschwindigkeit und Bewegungsgeschwindigkeit bei ausgebildeten Beach-Volleyballern, was Hans Voigt sehr viel gemacht hat, und dann kann man sich ein paar schlaue Dinge überlegen. Allerdings passen sich andere Länder schnell an. Bei Julius und Jonas haben wir zum Beispiel angefangen mit kurzen Aufschlägen, und ein Jahr später machen das die Polen und Emanuel/Ricardo schlagen uns fast mit den gleichen Waffen. Dann haben wir angefangen schnelle Pässe zu spielen, 2011 hatten die anderen sich drauf eingestellt, haben die Blockstartposition verändert. Man kann mittlerweile schon sicher sein: Wenn man nur zwei, drei Varianten hat, dann haben die Top Teams das dank der inzwischen ausgefeilten Scouting-Systeme schnell raus und zerlegen einen. Wir haben auch jetzt wieder Elemente aus dem Männerbereich für Laura und Kira übernommen, die ich natürlich nicht verraten möchte. Es wird aber eine Aufschlagvariante geben, die es bei den Frauen bisher nicht gegeben hat.

Sie vergleichen Laura und Kira oft mit Julius und Jonas – sehen Sie da Ähnlichkeiten?
Wir arbeiten jetzt nach dem gleichen System wie bei Jonas und Julius. Es sind beides außergewöhnliche Charaktere, und auch zwei sehr unterschiedliche Typen, aber ohne wirkliche Persönlichkeiten schafft man es glaube ich auch nicht, so erfolgreich zu sein.

Hätten Sie auch ein anderes Damenteam trainiert?
Das weiß ich gar nicht. Lustig war dass ich an dem Abend, an dem ich aus London zurückgekommen bin, mit Freunden und meiner Frau mehrere Stunden im Garten gesessen und gesagt habe: So, das war es also. Olympia ist vorbei. Was mache ich denn jetzt? Endlich mal Urlaub? Und meine Frau hat gesagt: Nein, du wirst Damen trainieren. Ich habe gelacht und gesagt, sie spinne. Meine Frau hat Recht behalten. Sie hat das gefühlt, aus welchen Gründen auch immer. Sie war der Meinung, dass ich ja bei den Männern alles erreicht habe, und man auch mal einen Cut machen müsse.

Also wieder kein Urlaub…
Vielleicht wäre es gut, wenn ich mal eine Woche oder zehn Tage nichts mache, aber das kommt sicherlich noch. Es steht schon seit zwei Jahren eine Kreuzfahrt als Geschenk unserer Kinder aus. Das werden wir definitiv nach Rio machen. Aber dafür müssen wir erst einmal dahin kommen, und das wollen ja die anderen Teams auch.

Wie sich Laura und Kira beim Grand Slam in Moskau schlagen und alle weiteren Infos zum Turnier findet ihr hier auf der Infoseite zum Grand Slam.

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