“Ich habe oft gehört, dass ich zu klein für ganz oben wäre”

Beach national

Die Entwicklung von Anna-Lena Grüne ist eine der Geschichten eines ungewöhnlichen deutschen Beach-Volleyball-Sommers. Sie profitiert von ihren erfahrenen Mitspielerinnen, beeindruckt aber auch mit ihrer Abgezocktheit und Athletik.

Mit Abstand kommt die Erkenntnis

Nach dem letzten Turnier fuhr sie erst einmal in die Berge. Wandern, abschalten, zur Ruhe kommen: Nach einer Saison, die für Anna Grüne im Juni mit der Beach-Liga begonnen hatte und erst Mitte September mit der U22-Europameisterschaft in der Türkei endete, war das bitter nötig. “Das hat sehr gut getan. In den letzten Monaten hatte ich kaum Pausen, viele Sachen sind auch erst spontan entstanden”, erzählt sie am Telefon. “Da war es ganz gut, mal keinen Beach-Volleyball in der Hand gehabt zu haben.“

Die Entwicklung von Anna Grüne, die eigentlich Anna-Lena Grüne heißt, aber lieber Anna genannt werden will, ist einer der Geschichten des ungewöhnlichen deutschen Beach-Volleyball-Sommers, der einen ganz anderen Verlauf genommen hat, als man Anfang des Jahres 2020 gedacht hatte. Es war auch ein Sommer, in dem viele Talente die Chance ergriffen, die ihnen unverhofft geboten wurde.

Anna Grüne hatte eigentlich ein Trainingslager in Tunesien geplant, dann gemeinsam mit Nele Schmitt einige Turniere der Kategorie 1+, vielleicht das eine oder andere Turnier der Techniker Beach Tour. Stattdessen bestritt die 18-Jährige in der Beach-Liga über ein Dutzend Spiele mit Nationalspielerin Isabel Schneider, qualifizierte sich mit Olympiasiegerin Kira Walkenhorst bei deren Rückkehr für ihre erste Deutsche Meisterschaft, sie gab ihr Debüt auf der World Tour und trat bei zwei Nachwuchs-Europameisterschaften an. Ob sie das alles schon realisiert hat? „Während der Saison blieb dafür nicht viel Zeit”, sagt Grüne. “Jetzt kann ich langsam besser einordnen, was ich alles machen und erleben, mit wem ich spielen durfte.“

Sie profitiert von ihren erfahrenen Mitspielerinnen

Alles begann bei der erstmals durchgeführten Beach-Liga, in der Rückrunde sprang Grüne auf Initiative ihrer Trainer Jörg Ahmann und Alexander Prietzel spontan für Victoria Bieneck ein. Ahmann und Prietzel wollten so vielen Talenten wie möglich die Gelegenheit bieten, viele Spiele an der Seite von erfahrenen Spielerinnen zu bestreiten - es entstanden die Konstellationen Svenja Müller/Karla Borger, Sarah Schulz/Melanie Gernert und Grüne/Schneider. „Neben einer der besten deutschen Abwehrspielerinnen, die auch Linkshänderin ist, zu stehen, war eine riesige Erfahrung”, betont Grüne. Das Duo belegte am Ende den vierten Platz, was bleibt ist ein großer Entwicklungssprung: “Die körperliche Belastung war heftig, aber für den Kopf war es fast noch anstrengender, auch wenn man das erst einmal nicht so denkt.“

Mi Julika Hoffmann spielt Grüne das erste Qualifikationsturnier für die Deutschen Meisterschaften und scheitert schon in der Gruppenphase. Einen Tag später erreicht sie ein Anruf von Prietzel: Nachdem Kira Walkenhorst über die sozialen Medien verbreitet hatte, dass sie auf Partnerinnensuche ist, ergriff der die Initiative und vermittelte die beiden Spielerinnen. „In diesem Moment habe ich noch gar nicht verstanden, was das bedeutet. Nach der Veröffentlichung kamen so viele Nachrichten, die mediale Aufmerksamkeit war riesig”, erzählt Grüne im Rückblick. “Einen Tag vor unserem ersten Turnier habe ich dann erst realisiert, dass ich jetzt mit Kira Walkenhorst spiele. Das war der krasseste Moment der Saison, danach war ich auch ziemlich aufgeregt.”

Junge Spielerinnen können von der Erfahrung älterer Partnerinnen enorm profitieren, wenn man aber mit einer früheren Weltmeisterin und Olympiasiegerin wie Kira Walkenhorst zusammenspielt, werden die Sportlerinnen gleichzeitig mit großem Erwartungsdruck konfrontiert. “Wir haben viele Gespräche darüber geführt, wie die Erwartungshaltung sein sollte. Letztlich mache ich mir selber aber am meisten Druck”, sagt Grüne. Dem Anschein nach konnte die 18-Jährige damit meistens gut umgehen, auch wenn sie selber sagt, dass das nach außen oft besser wirke, als es in Wirklichkeit sei. “Ich bin auf dem Feld ein sehr emotionaler Mensch. Läuft es mal nicht gut, kann ich mich da nicht immer selber herausholen. Als ruhige Person konnte Kira mich in Drucksituationen gut unterstützen”, sagt sie.

“Ich habe oft gehört, dass ich zu klein für ganz oben wäre”

Grüne wächst im niedersächsischen Hausede in der Nähe von Hannover auf, als Kind probiert das Bewegungstalent verschiedene Sportarten aus. Beim Volleyball und in der Leichtathletik bleibt sie hängen, spielt in der dritten Liga beim MTV 48 Hildesheim. Eher zufällig wird sie nach einer Sichtung für den niedersächsischen Hallen-Kader in den Beach-Kader geholt und gewinnt 2017 den Bundespokal. Bei fast allen Nachwuchsmeisterschaften gewinnt sie Medaillen, nach dem Abitur im vergangenen Jahr wechselt sie an den Bundesstützpunkt in Stuttgart.

“Ich habe oft gehört, dass ich zu klein für ganz oben wäre. Mit Jörg Ahmann und Alexander Prietzel habe ich aber zwei Trainer, die mich unterstützen und in Gesprächen immer wieder betonen, dass es auf meinen Einsatz ankommt”, sagt Grüne, die 1.74 Meter groß ist und damit unter den Beach-Volleyballerinnen zu den kleineren Spielerinnen gehört. Den Größennachteil gleicht sie mit einer für ihr Alter beeindruckenden Athletik aus. Grüne geht im Kraftraum an ihre Grenzen und darüber hinaus, wie sie sagt. Prietzel bestätigt das: “Sie geht in den Kraftraum und zerstört die Gewichte. Sie will immer das Maximum und gibt immer Gas.”

Ihren Ehrgeiz bezeichnet Grüne als ihre größte Stärke. “Ohne meinen Ehrgeiz wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin. Es ist aber ein zweischneidiges Schwert. Wenn ich mal nicht an meine 100 Prozent komme, bin ich schnell frustriert”, sagt sie. Für Prietzel ist sie die härteste Arbeiterin in seinem Team. “Gerade auf mentaler Ebene muss sie noch viel machen, aber sie ist spielfähig ohne Ende und eine Zockerin.”

Ein Jahr voller Höhepunkte - was kommt 2021?

Gleich im ersten Anlauf gelingt es Grüne und Walkenhorst, sich für DM zu qualifizieren, in Hamburg schlagen sie beim Turnier der Top-Teams sogar Laura Ludwig und Margareta Kozuch. In Timmendorfer Strand kämpft sich das Duo bis ins Viertelfinale, das Grüne als “eines der besten Spiele, die ich je gemacht habe” bezeichnet. “Gleichzeitig war es eine emotionale Achterbahn. Mein verschlagener Matchball ist mir noch lange im Gedächtnis geblieben”, erzählt sie. Letztlich wird es der fünfte Platz - bei ihrer Premiere. “Wenn man das erste Turnier mit der DM vergleicht, da liegen Welten dazwischen”, zeigt Grüne sich mit der Entwicklung zufrieden.

Dämpfer erfährt sie bei den Nachwuchs-Europameisterschaften. Bei der U20- und U22-EM kommt sie nicht über den neunten Platz hinaus, die Erwartungen (an sich selbst) waren nach dem Saisonverlauf höher gewesen. “Da habe ich mehr von mir erwartet. Aber insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Saison, die so anders war als gedacht”, sagt die 18-Jährige.

Nach dem Urlaub in den Bergen und zwei Wochen in der Heimat ist Grüne nun wieder zurück im Training, ab November plant sie sieben Einsätze für die zweite Mannschaft des Allianz MTV Stuttgart in der zweiten Bundesliga. “Eine Anna Grüne braucht immer Wettkampf, das ist einfach ihr Typ”, sagt Prietzel. Noch ist nicht klar, mit wem sie die Beach-Saison 2021 angehen wird. Ohnehin wird es schwer, dieses Jahr zu toppen, weiß Grüne. “Ich bin gespannt und gleichzeitig versuche ich, mir wenig Gedanken darum zu machen.”

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