„Ich liebe es, Favorit zu sein“

Interview mit Jürgen Wagner

Seit Montag stehen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst auf Platz eins im World-Tour-Ranking. Trainer Jürgen Wagner spricht im Interview über den Umgang mit der Favoritenrolle, Spiele, die im Kopf entschieden werden, und darüber, wie seine zwei Athletinnen ihn immer wieder überraschen.

beach-volleyball.de: Jürgen, zufrieden ist normalerweise ein Ausdruck, der dir selten über die Lippen kommt. Wie würdest du deinen aktuellen Gemütszustand nach drei Goldmedaillen in Serie (EM, Hamburg, Olsztyn) beschreiben?

Jürgen Wagner: Ich fühle mich gut (lacht). Das ist sehr erleichternd und schafft viel Motivation. Ich habe mich bei allen drei Goldmedaillen über sehr unterschiedliche Dinge gefreut.

Worüber denn?
Bei der EM habe ich mich gefreut, dass wir es geschafft haben, diese Phase des Beach-Volleyball Arbeitens in ein Beach-Volleyball Spielen umzuwandeln. In Hamburg habe ich mich sehr über unsere hohe Qualität gefreut. In Polen fand ich es aber klasse, dass die beiden es hingebracht haben, nach den harten Wochen und dem emotionalen Highlight in Hamburg nicht vom Kopf her abzustürzen, sondern noch einmal voll dagegen zu halten, gegen ein deutlich frischeres Team im Finale (Larissa/Talita, Anm. d. Red.).

In Poreč seid ihr wieder ins Halbfinale eingezogen, eine Medaille gab es aber dieses Mal nicht. Wie bewertest du das Turnier?
Poreč war nach den vorherigen Turnieren eine sehr schwierige Mission, bei der wir uns schwerpunktmäßig zum Thema Selbststeuerung einige Dinge vorgenommen hatten, die Kira und Laura in den ersten Turniertagen auch hervorragend umgesetzt haben. Am letzten Tag haben die mentalen und körperlichen Ressourcen nach den Strapazen der letzten Wochen nicht mehr gereicht, und wir konnten keine absolute Top-Leistung mehr abrufen, die gegen diese starken Gegnerinnen aber notwendig gewesen wäre. Wir haben wieder einige große Schritte nach vorn gemacht und auch das Ergebnis ist meines Erachtens hervorragend – und am Ende hat ja wieder ein deutsches Team Gold gewonnen

"Kiras Knie ist völlig ok"

Laura und Kira waren bei den letzten Turnieren mit vielen Tapes versehen, Kira musste in Poreč sogar ein Medical Timeout wegen ihres Knies nehmen. Muss man sich Sorgen machen?
Die Knie-Medical in Poreč war eher bedingt durch eine Schrecksekunde nach einer Landung. Das Knie ist aktuell völlig ok. Körperlich sind beide richtig gut in Form, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Besonders Kira hat natürlich viele Spiele gehabt, in denen sie Side-out spielen musste, und wenn man die Sprünge über so viele Wochen alleine machen muss, fängt es natürlich auch hier und da mal an zu ziehen. Und man darf auch nicht vergessen, dass bei allen Spielerinnen, die nach Rio fahren, eine unheimliche Sensibilität herrscht. Man hat bei jeder Verhärtung oder Spannung Angst, es könnte schlimmer werden und dann ist Rio in Gefahr. Da will man auf keinen Fall ein Risiko eingehen.

Ihr habt mit Walsh/Ross, Larissa/Talita und Agatha/Barbara in den vergangenen Wochen alle großen Namen einmal geschlagen – wie wichtig ist das für den Kopf im Hinblick auf Olympia?
Ich glaube, das ist sehr wichtig, denn es gibt nur ganz wenige Teams, die in einem entscheidenden Finale gegen einen guten Gegner gewinnen, gegen den sie noch nie zuvor gewonnen haben. Die Mädels konnten jetzt spüren, was sie drauf haben. Nur im Kopf zu wissen, dass man es eigentlich kann, reicht bei Spielern nicht. Sie müssen das gefühlt haben, das gibt sehr viel Selbstvertrauen  – das ist jetzt geschehen.

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"Der Sieg gegen Walsh/Ross kann in Rio noch viel wert sein"

Jürgen Wagner

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 Vor allem von dem Halbfinale gegen die dreifache Olympiasiegerin Kerri Walsh und April Ross in Hamburg waren viele Fans begeistert…
In Hamburg haben wir vor allem im Finale gegen Agatha/Barbara, in dem auch unsere Gegnerinnen sehr stark gespielt haben, eine sehr hohe Qualität gezeigt. Im Halbfinale hingegen fand ich Kerri Walsh und April Ross ein bisschen müde. Ich glaube, die haben nicht an ihrem absoluten Leistungsoptimum gespielt. 

Heißt das, es lag eher an der Schwäche von Walsh/Ross, dass ihr gewonnen habt?
Nein, ich will damit auf keinen Fall sagen, dass Walsh/Ross schlecht gespielt haben. Ich sage nur, dass sie die geistige Frische nicht zu hundert Prozent hatten. Aber ob sie damit viel besser gegen uns gespielt hätte, weiß ich nicht. Dann spielt man ja auch selber wieder anders. Wir haben sehr gut gespielt, vor allem bei dem Druck vor dem heimischen Publikum und mit dem Wissen, dass Laura und Kira zuvor noch nie gegen Kerri und April gewonnen haben. Wie sie das gelöst haben, war sehr beeindruckend – nicht nur für uns Coaches, sondern auch für die Damen aus den USA.

Was war anders als in den vier Begegnungen davor, in denen die US-Amerikanerinnen siegten?
Ich glaube, dass dieser erste Sieg gegen Walsh/Ross schon beim Grand Slam in Rio auf dem Weg war, als wir sehr knapp verloren haben. Da haben wir eigentlich dominiert mit zig Matchbällen und einer 20:18-Führung im zweiten Satz, sind dann aber eingebrochen. In dem Moment habe ich eigentlich gedacht, dass wir eine Großbaustelle haben, aber Laura und Kira sind zurückgekommen und haben gesagt: Wir haben zwar verloren, aber wir haben sie zwei Sätze lang dominiert und wir wissen, dass wir sie wirklich draufhaben. Über diese Aussage war ich ein bisschen überrascht. Normalerweise wäre ja die Reaktion: Jetzt haben wir das vierte Mal gegen die verloren, wir schlagen die nie. Dieses Selbstvertrauen haben sie auch in Hamburg ausgestrahlt, und wenn es in Rio zu einem Duell kommen sollte, wird dieses Spiel in Hamburg noch sehr viel wert sein. 

"Unsere Aufschläge werden bis Olympia noch besser werden"

Kira hat mit ein paar unglaublichen Bällen beeindruckt, zum Beispiel einem langen Pritscher ins gegnerische Feld, war das abgesprochen?
Nein. Wir haben in den letzten Monaten zwar mehr zweite Bälle trainiert, weil es eine wichtige Sache sein kann, wenn eine Spielerin unter Druck gerät und Unterstützung benötigt. Dieser lange Ball von Kira hat mich allerdings überrascht. Ich musste sehr schmunzeln, denn wenn Kira irgendetwas im Training hasst, dann sind es die Eins gegen Eins Spielchen, die sie den ganzen Winter machen muss. Und wie sie diesen zweiten Ball rüber gepritscht hat, das ist so eine typische Sache, die man genau in diesen Spielchen immer mal wieder trainiert. Aber das hört sie jetzt nicht gerne, das weiß ich. 

Für diese Bälle braucht man eine ausgezeichnete Technik, die hat sich bei Kira in den vergangenen Jahren enorm gesteigert, wie seid ihr das angegangen?
Wenn Kira von einer Sache überzeugt ist, dann verfolgt sie ein Thema unheimlich konsequent. Sie lernt anders als Laura. Bei Laura ist es so, dass sie eine Technik in kleinen Schritten erlernt, man aber kontinuierlich eine Verbesserung sieht. Kira muss sich die Technik erst zwei, drei Wochen, auch mit vielen Fehlversuchen, erarbeiten, aber dann ist die Technik da und sie kann sie sofort im Wettkampf abrufen. Das ist eine Fähigkeit, die nur ganz wenige haben, das war bei Jonas Reckermann früher auch so.

Wie schätzt du aktuell die Brasilianerinnen ein? Kann man damit rechnen, dass die vor den Spielen in Rio durch intensives Training noch einmal einen Leistungssprung machen?
Das glaube ich nicht. Ich weiß nicht, ob sie geringfügig athletisch noch etwas draufpacken können. Vielleicht werden sie noch minimal schneller, wir allerdings auch. Ich glaube aber, dass wir in Rio noch besser aufschlagen werden, noch konstanter. Im Umkehrschluss glaube ich nicht, dass die Kolleginnen da drüben bis Rio ihre Annahmetechnik verändern können. Aus dem Spiel heraus haben sie schon jetzt so gut wie keine Eigenfehler gemacht, deshalb glaube ich nicht, dass sich ihr Spiel groß verändern wird.

"Die Spiele in Rio werden im Kopf entschieden"

Laura und Kira sind momentan in Höchstform, ist das jetzt im Hinblick auf Olympia zu früh?
Ich sehe das nicht so in Spielsportarten, dass man wie in der Leichtathletik arbeitet. Dort kommt nur in den letzten Wochen noch einmal so ein Peak. Im Beach-Volleyball kann und sollte man eher zwei, drei Monate auf so einem Level sein, deshalb bin sehr froh, dass wir schon jetzt so spielen.  Dass man zum Schluss im athletischen Bereich noch ein bisschen Maximalkraft macht oder in der Schnelligkeit etwas drauf packt, das ist geplant. Wichtig ist jetzt, dass man auch regenerativ gut steuert.

Körperlich sind beide top in Form, sie sehen unheimlich gut trainiert aus. Welchen Teil machen Athletik und die richtige Ernährung vom Erfolg aus?
Das ist schwer zu beziffern. Ich sage es mal so: Wenn wir die Athletik und Ernährung nicht hätten, dann würden wir ganz klar nicht da stehen, wo wir jetzt stehen. Wenn wir nicht so viel an unserer Technik, vor allem am Aufschlag gearbeitet hätten, würden wir die Gegner jetzt nicht so unter Druck setzen können und auch gegen die Top-Teams verlieren. So ist es mit dem Kopf auch. Wir haben viel im Bereich Selbststeuerung gearbeitet. Helke Classen als Coach und Anett Szigeti als Mentaltrainerin machen da einen Superjob.

Was ist mit Selbststeuerung gemeint?
In den ersten zwei Jahren hatten wir definitiv das Problem, dass wir nicht mehr aus unserem Loch gekommen sind, wenn wir in einem Spiel einmal neben der Spur waren. Das kriegen wir jetzt gut hin. Wir haben auch die Kommunikation, gerade wenn wir selbst am Aufschlag sind, komplett verändert. Der Kopf ist eine wichtige Komponente. Ich glaube nicht, dass in Rio Spiele durch mangelnde Qualität entschieden werden oder ein Team überragender spielen wird. Die Spiele werden im Kopf entschieden. 

Wenn am Samstag beim Major in Gstaad die Gruppen für Olympia ausgelost werden, gehört ihr zu den Favoriten – wie geht ihr damit um?
Ja, das ist ein bisschen schwierig. Man geht in ein Turnier und die Erwartungshaltung ist: Die Gruppe müssen wir gewinnen. Das belastet viel. Das finde ich aber eigentlich schade. Es sollte keinen Druck machen, Favorit zu sein, vielmehr ist es ein großes Geschenk. Wenn ich Favorit bin, ist alles ganz einfach: Spiele ich gut, werde ich gewinnen. Wenn ich Außenseiter bin und ich spiele gut, der Gegner aber auch, dann verliere ich. Deshalb liebe ich es Favorit zu sein, dann habe ich es selbst in der Hand. In Rio wird es eine unserer Aufgaben sein, dieses Thema entspannt darzustellen.

Der Fahrplan bis Rio 

Ludwig/Walkenhorst spielen das Major in Gstaad (5.7.-10.7.) und auch das letzte Turnier vor Olympia, das Major in Klagenfurt (26.7.-31,7.). "Die Wettkampf-Pause vor den Olympischen Spielen ist uns sonst zu lang", sagt Wagner. Dazwischen trainieren sie mit Borger/Büthe und den beiden für Olympia qualifizierten Schweizer Teams Zumkehr/Heidrich und Forrer/Vergé-Dépré erst in Bern und dann in Hamburg. Nach Klagenfurt fliegen sie nach Hause und starten am Dienstag, den 2. August über Frankfurt/Main nach Rio de Janeiro. Die Olympia-Gruppenspiele starten am 6. August.

Wie die Zusammenarbeit des Teams begonnen hat, könnt ihr in unserem Interview mit Jürgen Wagner vom 26. Mai 2015 nachlesen.

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