„Ich musste lernen, dass man das Turnier eigentlich immer mit einem schlechten Gefühl beendet“

Beach-Volleyball-Profis im Fragenhagel

Victoria Bieneck ist Beach-Volleyball-Profi und musste lernen, dass der Sport von den Fehlern lebt. Ein Gespräch über Grenzen und das Gefühl, etwas nicht zu schaffen: Teil IV der Interview-Reihe 'Krass Frisch'.

Wespen in der Player's Area 2.0

Wir sitzen immer noch im Spielerbereich, die Wespen umzingeln uns noch immer... und beflügelt vom Taurin traue ich mich, die bisher ungestellte Frage zu stellen. Die Frage nach dem Gefühl, am Ende fast jedes Turniers als „Verlierer“ nach Hause zu fahren. Das Dilemma unserer Gesellschaft. Der Siegeskapitalismus als Antrieb. Die Jagd nach der intrinsischen Motivation, trotz dieser Widrigkeiten. Jedes Turnier im Beach-Volleyball hat letzten Endes – auf dem Podest – nur einen Gewinner.

Wie gehen die SpielerInnen damit um, in den meisten Fällen nicht ganz oben zu stehen? Wie präsent ist der Gedanke an die Konsequenz der Niederlage in markanten Spielen wie Viertel- oder Halbfinale? Hat man als Profi professionelle Hilfe für diese (auch gedankliche) Situation? Kann man sich als Hobbysportler hier etwas vom Profi abschauen? Dies und mehr erhoffe ich mir aus den Antworten der Profis. Victoria Bieneck stelle ich die Frage als erstes. Ihre Reaktion („Ich lebe noch und es geht mir gut“) ermutigt mich; ich werde diese Frage weiter stellen.

Die anderen „Frisch“en Fragen hat Victoria Bieneck aber auch beantwortet. Viel Spaß und Erkenntnis mit dem Interview!

 

beach-volleyball.de: Wie  gehst du damit um, wenn du am Ende eines Serienturniers verlierst?

Victoria Bienck: Ja, das ist wirklich ein Phänomen im Beach-Volleyball. Ich habe darüber auch schon mit Leichtathleten gesprochen. Die sehen zum Beispiel einen zweiten Platz ganz anders. Wenn wir Zweite werden, haben wir das Finale verloren. Bei Leichtathleten waren die einfach die Zweitbesten, also besser als der Dritte. Und der Dritte hat bei uns aber meistens ein besseres Gefühl, weil der das letzte Spiel gewonnen hat. Das hat der Sport an sich. Der lebt irgendwie von Fehlern. Der Turniermodus lässt einen mit Niederlagen abschließen, außer man gewinnt das Turnier. Aber gerade auf dem internationalen Niveau kann man mal sehen, wie selten ein Team ständig in Folge gewinnt.

Ich glaube, das ist auf jeden Fall etwas, was man lernen muss. Ich musste das auch lernen, dass man eigentlich eben immer mit einem schlechten Gefühl das Turnier beendet, und die Aufgabe dann ist, das dann trotzdem gut zu analysieren. Da hat man dann zum Glück ein Trainerteam um sich, das einem dabei hilft. Aber gerade bei den vielen Reisen und den ständig aufeinanderfolgenden Turnieren ist das eine Herausforderung. Ich würde nicht sagen, dass ich das schon immer kann (lacht) – ich musste es auf jeden Fall auch lernen.

Wenn man lange die Deutsche Tour spielt und sich da immer so unter den Top 4 befindet, und man dann mal World Tour spielt, dann... Gut, wir waren dieses Jahr jedes Mal unter den Top 10. Wenn man jetzt aufs Papier guckt, hatten wir eigentlich kein Turnier, wo du sagen kannst ‚Man ey, das lief ja mal richtig scheiße.‘ Aber trotzdem gab es auch Turniere, bei denen man mit einem schlechteren Gefühl nach Hause gegangen ist als bei anderen, obwohl es die gleiche Platzierung ist.

 

Würdest du deinen Kindern empfehlen Beach-Volleyball Profi zu werden?

Ich würde mein Kind in dem bestärken, was es kann. Und wenn es gerne Beach-Volleyball-Profi werden will, würde ich das auf jeden Fall unterstützen – aber nur, wenn es das auch selber will. Es ist auf jeden Fall eine Lebensschule. Ich würde es nicht pushen, aber wenn das Kind es gerne möchte und das die Leidenschaft ist, dann würde ich es unterstützen.

 


Was ist das Schlimmste am Beruf Beach-Volleyball Profi?

Es muss meistens ziemlich wehtun, damit man richtig gut wird. Das Körperliche, die Motivation aufzubringen ist nicht schwer. Also was heißt nicht schwer... es muss manchmal einfach richtig, richtig doll wehtun, aber dann zieht man umso mehr daraus. Es gibt manche Niederlagen, die tun einfach richtig weh und es gibt Situationen, da kommt man an seine Grenzen und denkt, man schafft irgendwas nicht. Das ist irgendwie einerseits hart, aber das ist auch rückblickend das, was einen vorangebracht hat.


Glaubst du, dass du die beste Form deines Lebens
a) schon hattest,
b) gerade hast,
c) noch vor dir hast?

c.

 

Warum bist du ein guter Beach-Volleyball-Partner?

(zögert) Ich bin auf jeden Fall zu 100 Prozent loyal. Wenn ich mich zu einer Sache committed habe, da kann Regen, Gewitter, Sonne – was auch immer – sein: Das Band ist geschlossen, und das besteht.

 

Hältst du die Dauer einer Partnerschaft für ein wichtiges Erfolgskriterium?

Ich glaube, dass man auf jeden Fall mehrere Jahre braucht, um sich im Team langfristig entwickeln zu können. Also die Zeit ist ein Kriterium, aber auch nur wenn man die Zeit nutzt.

Bist du dir selbst ein guter Freund?

Nicht immer.

 


„Ich sehne mich jetzt nicht danach, dass ich mehr die Beine hochlegen könnte.“

– Victoria Bieneck (27) hätte in ihrem Job als Beach-Volleyball-Profi gerne mehr Zeit und am Liebsten öfter ihre Familie um sich.


 

Was fürchtest du mehr:
a) das Urteil von Freunden?
b) das Urteil von Feinden?


Definitiv das Urteil von Freunden.

Was macht dich am ehesten glücklich?
a) Geld?
b) Anerkennung?
c) Erfolg?

Also ich würde sagen keins. Und ansonsten am ehesten Erfolg. Aber dann stellt man sich die Frage, wie Erfolg für einen selber definiert ist. Was ist dann Erfolg, oder was ist für mich Erfolg. Aber ich bin mir sicher, glücklich macht mich eine innere Zufriedenheit, und die kann durch den Erfolg hervorgerufen werden, die kann aber auch durch Menschen, die mich umgeben, hervorgerufen werden.

 

Wann warst du zuletzt glücklich?

Heute.


Welchen Gedanken findest du eher beunruhigend...
a) ...unverzichtbar zu sein?
b) ...verzichtbar zu sein?

Gute Frage. Keine Ahnung.


Wovor hast du am ehesten Angst am Arbeitsplatz?
a) Überforderung
b) Langeweile
c) Mitarbeiter

Also ich glaube, wenn ich eines wählen muss, dann ist es Überforderung. Aber die Leute um mich herum sind dann eigentlich die, die das wieder aufbauen. Nicht die, vor denen ich Angst habe.


Wirst du gerecht bezahlt?

Was ist gerecht... (zögert) Wenn man dann überlegt, man ist die absolute Beach-Volleyball-Elite der Welt, muss ich gerecht dann daran messen, wie es in anderen Sportarten ist? Messe ich gerecht daran, wie es in anderen Sparten ist? Was kriegt denn der beste Programmierer der Welt? Der zehntbeste Programmierer der Welt, was verdient der denn? Also...


Oder Hockeyspieler, oder Fußballspieler...

Ja, genau. Oder was ist dann gerecht, auch im Zusammenhang mit anderen Jobs. Es gibt auch Leute, die 40 Stunden die Woche einen Knochenjob auf dem Bau arbeiten und sich wahrscheinlich mit 40 nicht mehr bewegen können – werde ich im Vergleich zu denen gerecht bezahlt? Weil ich ja auch meinen Körper in gewisser Weise schinde... Ich kann die Frage ehrlich gesagt so nicht beantworten.


Wovon hättest du in deinem Job gern mehr?
a) Freizeit?
b) Sinn?
c) Geld?
d) Freiheit?

Freizeit beziehungsweise Zeit. Im Beach-Volleyball-Leben hat man gewisse Entbehrungen gegenüber Menschen, die man wenig sehen kann. Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich mir manchmal einfach einen Tag oder ein paar Stunden mehr wünschen. Weiß aber andererseits auch, dass ich nicht noch einen Tag mehr frei am Wochenende haben will, weil ich auch trainieren will. Manchmal würde ich vielleicht gerne mehr Leute mitnehmen können von meiner Familie, oder die mehr um mich haben können. Ich sehne mich jetzt nicht danach, dass ich mehr die Beine hochlegen könnte.

 

Über die Interview-Reihe

Die Interview-Reihe, die in den kommenden Monaten auf beach-volleyball.de sukzessive veröffentlicht wird, verfolgt einen etwas alternativen Ansatz der Fragestellungen. Unser Beach-Academy-Trainer, Berufs-Lehrer und Hobby-Journalist Jan Leifels hat sich vom Buch „Fragebogen“ des Autors Max Frisch inspirieren lassen und 14 Fragen entwickelt, die teilweise auf Beach-Volleyball abzielen, jedoch stets den weitestgefassten Erwartungshorizont an Antwortmöglichkeiten zulassen.

Es sind Fragen an Arbeitnehmer, deren Beruf der Sport ist. Es sind Fragen über Glück, Geld und Freundschaft. Es sind Fragen, die sich jeder von uns auch stellen kann. Er stellt sie den Profis am Rande der Veranstaltungen; ganz in Ruhe. Die Antworten – jene der Profis als auch unsere eigenen auf die selben Fragen – sind bestenfalls horizonterweiternd und bereichernd zugleich.

Hier findest du eine Übersicht aller bisher veröffentlichten Interviews

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