Kim Behrens und Cinja Tillmann: Als Nachrückerinnen zu EM-Silber

Europameisterschaft 2020

Behrens und Tillmann verpassen nach einem dramatischen Endspiel zwar den ganz großen Coup bei den Beach-Volleyball-Europameisterschaften in Lettland, die Silbermedaille beweist dennoch die beeindruckende Entwicklung des Teams.

Den Titel auf der Hand gehabt

Kim Behrens drehte sich mit einem Wutschrei auf den Lippen um, warf die Brille weg, sank dann zu Boden und vergrub ihr Gesicht im Sand, Cinja Tillmann ging noch auf der Stelle in die Knie. Die Enttäuschung saß tief bei dem Duo, die große Chance auf den Titel bei der Beach-Volleyball-Europameisterschaft war zum Greifen nahe gewesen. Zwei Matchbälle hatten sie noch abwehren können, einen eigenen hatte Tillmann ebenfalls auf der Hand, schließlich landete ein Angriff von Behrens knapp im Aus: Im Endspiel unterlagen die Deutschen knapp den Schweizerinnen Anouk Vergé-Dépré und Joana Heidrich mit 1:2 (21:18, 14:21, 16:18). Für die Schweizerinnen ist es der erste Titel auf europäischer Ebene, er wird mit 600 Weltranglistenpunkten und 20.000 Euro Preisgeld vergoldet.

“Gerade überwiegt, dass wir die Möglichkeiten haben liegen lassen, wir hatten es auf der Hand. Die letzten zwei Prozent haben wir irgendwie nicht abgerufen, wie schon im Halbfinale der DM ist es eine ärgerliche Niederlage”, sagt Kim Behrens im Anschluss. “Das passiert in diesem Sport halt, aber wir haben so gekämpft, ich bin stehend k.o.” Auch Anouk Vergé-Dépré zollte ihren Gegnerinnen Respekt: “Sie haben verdammt gut aufgeschlagen. Das kann auf beide Seiten kippen – ich bin sehr froh, dass wir es geschafft haben.”

Auch wenn die Tränen bei den Deutschen noch Minuten nach der verpassten Chance flossen: Die Silbermedaille bedeutet den größten Erfolg in der Karriere von Kim Behrens und Cinja Tillmann und belohnt eine Entwicklung, die ihnen einige nicht zugetraut hatten. Und das alles, obwohl das Duo erst in der vergangenen Woche erfahren hatte, dass es bei der EM teilnehmen darf.

Spontan nach Lettland gereist, mit einer Silbermedaille zurück

Dass Behrens und Tillmann sportlich in das Teilnahmefeld der Europameisterschaft gehört hatten, stand auch ohne die Medaille außer Frage. Im Weg stand ihnen die große Konkurrenz aus dem eigenen Land und die Nationenregel, die einen Start von mehr als vier Teams pro Land verhindert. Sie waren punktgleich mit Victoria Bieneck und Isabel Schneider gewesen, die im vergangenen Jahr aber die besseren Ergebnisse erzielten (und mehrere Turniere spielen konnten). Weil aber Karla Borger und Julia Sude das Turnier absagten, rückten sie in die EM nach. Und auch der Verband stand im Vorfeld da im Weg: Behrens und Tillmann wurden im vergangenen Jahr von mehreren großen Turnieren vom Deutschen Volleyball-Verband (DVV) abgemeldet, weil der DVV lieber seine Nationalteams im Teilnahmefeld sah. 

In der Gruppenphase erwischte das Duo noch einen denkbar schlechten Start. "Nach dem ersten Spiel haben wir aufgehört uns irgendetwas auszurechnen", so Tillmann über den mentalen Knackpunkt nach der Auftaktniederlage gegen Spanien. "Wir wollten uns dann auf unsere Stärken fokussieren. Und das hat echt gut geklappt", resümierte die 29-Jährige. Im Achtelfinale schlugen sie und Behrens überraschend die Turnierfavoritinnen Nina Betschart und Tanja Hüberli aus der Schweiz und legten damit die Grundlage für den Erfolg.

Auf dem Weg ins Endspiel und auch im Finale selber zeigte das Duo genau die Qualitäten, die es auszeichnet: Druckvolle und variable Aufschläge und Angriff sowie eine disziplinierte, clevere Taktik, manchmal mangelt es ihnen innerhalb von Spielen und Turnieren noch an Konstanz. Beide Seiten zeigte das Team auch im Endspiel von Jurmala, letztlich entschieden aber nur Nuancen. Dass Behrens (1,79 Meter) und Tillmann (1,74) die körperlich überlegenen Heidrich (1,90) und Vergé-Dépré (1,85) überhaupt am Rande einer Niederlage hatten, zeigt, was sie aus ihren Möglichkeiten machen.

Wenn die “Notlösung” die erhoffte EM-Medaille holt

Eigentlich war die Partnerschaft der zwei Abwehrspielerinnen eher eine Notlösung, die nach dem vorläufigen Karriereende von Kira Walkenhorst Anfang des vergangenen Jahres entstanden war. Das macht die Entwicklung und Erfolge des Duos, das unter der Anleitung von Thomas Kaczmarek, Hans Voigt und Klaus-Martin Stuhlmann eigenorganisiert in einer Trainingsgruppe trainiert, umso beeindruckender: Die Qualifikation für die Welt- und Europameisterschaften von 2019, zwei Bronzemedaillen bei den Deutschen Meisterschaften und nun als Höhepunkt die Silbermedaille bei der EM.

Ausgerechnet das Team, dem der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) zu wenig internationale Chancen ausgerechnet und deswegen zum Schutz seiner Nationalteams bei sieben Turnieren abgemeldet hatte, holt also bei der EM die erhoffte Medaille für Deutschland. Das Team, das momentan gegen den DVV gegen eben diese Nominierungspraxis klagt, damit in Zukunft ausschließlich sportliche Kriterien zählen. Die Klage wird vor einem ordentlichen Gericht verhandelt, was ein erster Erfolg für Behrens und Tillmann ist. Sollten sie Recht bekommen und der DVV seine Praxis ändern müssen, wäre das für die Zukunft aller Teams eine richtungsweisende Entscheidung. Dennoch würde es ihnen selber wohl nicht mehr zu Gute kommen.

Schon bei den Deutschen Meisterschaften vergossen sie bei der Siegerehrung nicht nur Freudentränen, ihr Auftritt der EM wird gerüchteweise ihr letzter Auftritt als Team gewesen sein. Die Ironie der Geschichte: Auch 2017 holte bei der Europameisterschaft in Jurmala mit Nadja Glenzke und Julia Großner ein deutsches Team die Goldmedaille - das vom DVV kurz zuvor ebenfalls die Perspektive abgesprochen worden war. Großner und Glenzke haben ihre Karrieren kurz darauf beendet. Das ist bei Behrens/Tillmann nicht absehbar, ganz im Gegenteil: Kim Behrens zieht in die Niederlande, Cinja Tillmann gilt als Kandidatin für den Olympia-Stützpunkt in Hamburg.

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