Krass Frisch mit Clemens Wickler: „Am liebsten würde ich jeden Tag zweimal leben“

Beach-Volleyball-Profis im Fragenhagel

Die Interview-Reihe 'Krass Frisch' verfolgt einen alternativen Ansatz. Es sind Fragen an Arbeitnehmer, deren Beruf der Sport Beach-Volleyball ist. Es sind Fragen über Glück, Geld und Freundschaft. Es sind Fragen, die sich jeder von uns auch stellen kann: Teil I mit dem Deutschen Meister Clemens Wickler.

Fragen an Arbeitnehmer, deren Beruf der Sport Beach-Volleyball ist

Die Interview-Reihe, die in den kommenden Monaten auf beach-volleyball.de sukzessive veröffentlicht wird, verfolgt einen etwas alternativen Ansatz der Fragestellungen. Unser Beach-Academy-Trainer, Berufs-Lehrer und Hobby-Journalist Jan Leifels hat sich vom Buch „Fragebogen“ des Autors Max Frisch inspirieren lassen und 14 Fragen entwickelt, die teilweise auf Beach-Volleyball abzielen, jedoch stets den weitestgefassten Erwartungshorizont an Antwortmöglichkeiten zulassen.

Es sind Fragen an Arbeitnehmer, deren Beruf der Sport ist. Es sind Fragen über Glück, Geld und Freundschaft. Es sind Fragen, die sich jeder von uns auch stellen kann. Er stellt sie den Profis am Rande der Veranstaltungen; ganz in Ruhe. Die Antworten – jene der Profis als auch unsere eigenen auf die selben Fragen – sind bestenfalls horizonterweiternd und bereichernd zugleich.


Teil I mit dem Deutschen Meister Clemens Wickler

Im Rahmen der World Tour Finals in Hamburg treffe ich Clemens Wickler. Er hat gestern denkbar knapp das Podium verpasst, weiß noch nicht, dass er in der Woche darauf den Hattrick meistern und das dritte Mal in Folge deutscher Meister werden wird, ist hundemüde und bester Laune. Gestern Abend war die Players Party, die Nacht hatte ausnahmsweise mal nur drei Stunden.

 

beach-volleyball.de: Würdest du deinen Kindern empfehlen Beach-Volleyball Profi zu werden?

Clemens Wickler: Das ist schon mal eine sehr gute Frage. Mir macht es persönlich unglaublich viel Spaß, Beach-Volleyball zu spielen und ich könnte mir tatsächlich gerade nichts anderes vorstellen. Man muss auf jeden Fall sehr viel Leidenschaft für Beach-Volleyball haben, um das professionell zu machen. In meinem Fall zum Beispiel, bin ich sehr weit weg von meinen Freunden und meiner Familie zu Hause. Und das sehr lange und sehr oft. Ich bin viel umgezogen, musste immer wieder neue Orte alleine für mich kennen lernen – wobei das durch den Sport immer wieder einfacher ist. Beach-Volleyball-Profi zu sein, hat seine Vor- und Nachteile. Ich würde meinem Kind die Entscheidung selbst überlassen, ob es das macht oder nicht. Und ich würde es definitiv unterstützen, wenn dem so wäre.


Was ist das Schlimmste am Beruf Beach-Volleyball Profi?

Das schlimmste ist tatsächlich für mich, von meiner Familie und meinen Freunden zu Hause weit entfernt zu sein. Das hat mir in der Anfangsphase – nachdem ich weggegangen bin mit 18 Jahren – sehr zu schaffen gemacht. Da hatte ich öfter mal Heimweh, was mit dem Alltag immer besser geworden ist. Anstrengend sind die Reisen und die Fliegerei. Ich habe auch eine leichte Flugangst. Sobald es ein bisschen schaukelt, macht mir das ganze wenig Spaß.


Glaubst du, dass du die beste Form deines Lebens
a) schon hattest,
b) gerade hast,
c) noch vor dir hast?

Ich hoffe, dass sie noch kommt. Ich bin noch nicht so alt, war jetzt zwei Jahre verletzt und denke, dass da noch Steigerungspotenzial ist.


Warum bist du ein guter Beach-Volleyball-Partner?

Ich glaube, dass ich eher der ruhigere Typ auf dem Feld bin und jetzt keiner, der seinen Partner anschnauzen würde, wenn es mal schlecht läuft. Natürlich passiert das auch, dass ich meinen Partner einmal anschnauze, zum Glück aber sehr selten. Ich probiere immer, positiv zu bleiben und meinen Partner, wenn nötig, aufzubauen, weil wir nur als Team gut spielen können. Von daher sehe ich überhaupt keinen Sinn darin, sich gegenseitig fertig zu machen. Und an sich, würde ich jetzt mal ganz arrogant behaupten, bin ich als Person ganz umgänglich. Ich bin keiner, der viel Stress hat mit Leuten oder Probleme macht, wo keine sind, sondern bin eher entspannt und meines Erachtens daher immer mit meinen Partnern gut zurechtgekommen. Mit vielen davon – ich würde sagen den meisten – bin ich noch heute gut befreundet.


Hältst du die Dauer einer Partnerschaft für ein wichtiges Erfolgskriterium?

Definitiv ja. Ich glaube, wenn man eine Saison zusammenspielt, dann hat man sich gerade erst kennengelernt. In den Stresssituationen, wenn es wirklich um die Wurst geht, die richtigen Entscheidungen zu treffen, als Team zu funktionieren… da muss man einfach Jahre zusammengespielt haben. Ob das jetzt zehn sein müssen oder zwei, das sei mal dahingestellt. Ich glaube aber, nach zwei Jahren beginnt so eine Partnerschaft richtig gut zu funktionieren.


Ist dein aktueller Partner ein Freund von dir?

Wir verstehen uns wirklich sehr, sehr gut, wir sind in vielen Sachen gleich. Dadurch, dass wir allerdings so viel unterwegs sind und viel Zeit miteinander verbringen, verbringen wir neben den Courts nicht mehr so viel Zeit miteinander. Ich bin mir sicher, dass, wenn wir irgendwann mal nicht mehr zusammenspielen, wir weiter Kontakt haben. Das bringt eine Partnerschaft, in der man 250 bis 300 Tage im Jahr miteinander unterwegs ist, mit sich. Insgesamt würde ich sagen, dass wir recht gut befreundet sind; ob wir die allerbesten Freunde sind… da würde Julius sicher zustimmen, dass wir das mit „nein“ beantworten würden.


Bist du dir selbst ein guter Freund?

Ich kann mit mir selbst sehr hart ins Gericht gehen, bin auch fast mein größter Kritiker und neige so ein bisschen zu Perfektionismus. Dadurch stehe ich mir auch manchmal ziemlich im Weg und ärgere mich über manche Sachen. Insgesamt würde ich aber sagen, bin ich mit mir im Reinen.


Was fürchtest du mehr:
a) das Urteil von Freunden?
b) das Urteil von Feinden?

Auf jeden Fall das Urteil von Freunden. Freunde kennen mich richtig gut und wenn die mir Dinge sagen, dann nehme ich die auf jeden Fall deutlich mehr an. Wenn ich einen richtig heftigen Streit habe und mir Freunde etwas an den Kopf werfen, dann nehme ich mir das wirklich zu Herzen und bin dann auch jemand, der Dinge einsieht und sich fragt, ob er vielleicht Mist gebaut hat. Die Meinung von Feinden… da geht mir die Meinung doch tatsächlich auch manchmal am Allerwertesten vorbei (lacht).

 


„Wenn Sachen nicht klappen, dann möchte ich die eigentlich umso mehr erreichen und hart daran arbeiten.“

–Clemens Wickler (23), Beach-Volleyball-Profi



Was macht dich am ehesten glücklich?
a) Geld?
b) Anerkennung?
c) Erfolg?

Ich würde fast sagen, das ist eine Mischung zwischen Anerkennung und Erfolg. Natürlich ist man glücklich, wenn man Geld verdient, aber da gibt es auch Studien, die belegen, dass man ab einem bestimmten Betrag nicht mehr glücklich wird, und das glaube ich auch. Anerkennung zu bekommen ist immer etwas richtig Schönes, Erfolg zu haben ist auch etwas richtig Schönes. Bei der Anerkennung, da kommt es auch immer auf die Leute an, die sie einem zollen. Von Familie und Freunden ist das etwas richtig Schönes, von Leuten, die mich jetzt nicht so richtig kennen, ist es zwar auch schön, aber definitiv etwas ganz anderes.


Wann warst du zuletzt glücklich?

Heute Morgen! (vor dem Interview hat mir Clemens verraten, er habe die Nacht nur drei Stunden geschlafen, d. Red.) Ich bin eigentlich sehr oft glücklich, muss ich sagen. Ich bin insgesamt oft gut gelaunt. Sachen, die mich nerven, nerven mich eher mal eine halbe Stunde oder Stunde, insgesamt bin ich aber eher ein fröhlicher Mensch und daher auch oft glücklich.


Welchen Gedanken findest du eher beunruhigend...
a) ...unverzichtbar zu sein?
b) ...verzichtbar zu sein?

(Denkt lange nach.) Ich finde, beides ist wirklich blöd. Wenn du verzichtbar bist, dann bist du irgendwie egal und wenn das die Sicht von Leuten ist, die du gerne magst, dann tut das dir sehr weh. Andererseits, wenn du unverzichtbar bist für Leute und vielleicht selber nicht so richtig motiviert bist, tut das anderen Leuten weh. Von daher kann ich mich auch auf keine der Optionen festlegen.


Wovor hast du am ehesten Angst am Arbeitsplatz?
a) Überforderung
b) Langeweile
c) Mitarbeiter

Definitiv Langeweile! Überforderung spornt mich eigentlich an. Wenn Sachen nicht klappen, dann möchte ich die eigentlich umso mehr erreichen und hart daran arbeiten. Wenn ich Langeweile am Arbeitsplatz hätte, würde mir das Ganze keinen Spaß mehr machen. Und wenn der Spaß fehlt, dann wird alles so lustlos und dann würde ich mir etwas anderes suchen was ich mache.


Wirst du gerecht bezahlt?

Da ist natürlich immer die Frage, mit wem man sich vergleicht. Ich würde sagen „momentan ja“. Ich bin zufrieden mit dem, wie ich bezahlt werde und habe genug, um über die Runden zu kommen und ein bisschen was anzulegen. Natürlich würde man sagen, man ist unterbezahlt, wenn man sich Fußballer anguckt. Wenn man sich dann Arbeitskräfte im Pflegeberuf anguckt und wie die bezahlt werden, dann würde man sagen – „wow für solch’ wichtige Arbeit bekommt man ja ganz einfach zu wenig“. Aus dieser Sicht würde ich dann sagen, ja, ich bin überbezahlt. Deswegen muss man immer sehen, welche Perspektive man einnimmt.


Wovon hättest du in deinem Job gern mehr?
a) Freizeit?
b) Sinn?
c) Geld?
d) Freiheit?

Tatsächlich mehr Freizeit! Ehrlich gesagt würde ich jeden Tag gerne zweimal leben können. Einmal in dem Beruf, den ich jetzt mache und einmal einfach, um Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen oder Sachen zu machen, auf die ich aktuell verzichten muss. Sinn sehe ich in der Sache, die ich mache sehr, weil sie mich erfüllt und mir Spaß macht. Ich kann davon leben, deswegen ist Geld kein aktueller Wunsch. Freiheit empfinde ich auch nicht als Mangel; ich sehe mich derzeit als relativ frei an, denn wenn ich sagen würde „Ich möchte etwas anderes machen“, könnte ich das definitiv tun. Ich habe an der Sache, die ich mache, großen Spaß, also will ich nichts anderes machen. Letzte Antwort ist also auf jeden Fall Freizeit.

 

Über die Interview-Reihe

Die Interview-Reihe, die in den kommenden Monaten auf beach-volleyball.de sukzessive veröffentlicht wird, verfolgt einen etwas alternativen Ansatz der Fragestellungen. Unser Beach-Academy-Trainer, Berufs-Lehrer und Hobby-Journalist Jan Leifels hat sich vom Buch „Fragebogen“ des Autors Max Frisch inspirieren lassen und 14 Fragen entwickelt, die teilweise auf Beach-Volleyball abzielen, jedoch stets den weitestgefassten Erwartungshorizont an Antwortmöglichkeiten zulassen.

Es sind Fragen an Arbeitnehmer, deren Beruf der Sport ist. Es sind Fragen über Glück, Geld und Freundschaft. Es sind Fragen, die sich jeder von uns auch stellen kann. Er stellt sie den Profis am Rande der Veranstaltungen; ganz in Ruhe. Die Antworten – jene der Profis als auch unsere eigenen auf die selben Fragen – sind bestenfalls horizonterweiternd und bereichernd zugleich.

Hier findest du eine Übersicht aller bisher veröffentlichten Interviews

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