Mit Mut in die Zukunft: „An ein Scheitern glaube ich nicht”

Deutscher Volleyball-Verband

Als „Head of Beach-Volleyball” wird Erfolgstrainer Jürgen Wagner die Richtung im deutschen Beach-Volleyball vorgeben. Aber nicht als „One-man-show”: „Jeder kann sich einbringen, Input und Helfer sind gefragt", sagt er im Interview.

Erfolgreich als Trainer, jetzt als „Head of Beach-Volleyball” für den Deutschen Volleyball-Verband arbeitend. Genügt Ihnen die Arbeit mit Teams nicht mehr, Herr Wagner?
Ich wollte noch mal etwas ganz Neues machen und meine Erfahrungen einbringen. Bei Teams wie Thole/Wickler bleibe ich eingebunden für die Bereiche Periodisierung und Athletik, aber jedes andere Olympia-Team kann auch meine Unterstützung bekommen. Die Planung für Tokio 2021 steht und soll auch so bleiben; da möchte ich mich nicht einmischen, sondern nur bei Bedarf unterstützen. Aber ich knie mich schon jetzt in die Planungen für die Zeit danach.

Sie sind bekannt als Verfechter von Prinzipien wie Eigenverantwortlichkeit, Selbststeuerung, Handlungsorientierung und Bewusstheit. Woher kommen dieser Ansätze?
Urheber ist Hans Voigt, bei dem ich in Bochum Sportwissenschaft studiert habe und der die Grundlage des Philosophieansatzes entwickelt hat: „Beach-Volleyball ist Handlungsfreiheit unter Zeitdruck”. Wenn Du das schaffst, dominierst Du auf dem Feld. Du weißt, was zu tun ist und kannst es auch umsetzen. Nach der Maxime haben wir uns im Verband darauf verständigt, die Arbeit mit allen Bereichen, von Trainern, Athleten, Medizinern, Scouts, Trainingswissenschaftlern darauf auszurichten und sie zu vermitteln.

In der Vergangenheit galten Sie als Verfechter von Insellösungen. Teams wie Brink/Reckermann und Ludwig/Walkenhorst sind ihre eigenen Wege gegangen. Mit Erfolg.
Ich war die personifizierte Insellösung. Es wird immer Athleten geben, die in anderer Umgebung mit anderen Partnern arbeiten wollen. Wer sich außerhalb des DVV-Systems gut entwickelt und Erfolg hat, der macht gute Arbeit. Aber von Hamburg aus wird es eine klare Stringenz und Struktur geben. Wer damit nicht klar kommt, für den macht es keinen Sinn, hier zu arbeiten. Begriffe wie Insellösung und Zentralisierung werde ich nicht mehr verwenden. Meine Definition lautet: Teams für jedes Teams an einem zentralen Stützpunkt zu schaffen und die Vorteile des DVV und des OSP maximal zu nutzen.

Trainer haben ihre eigenen Vorstellungen und sollen sich künftig den Verbandsvorgaben unterordnen?
Ich will auf keinen Fall Trainern vorschreiben, was sie zu machen haben. Ein Imornefe Bowes macht das Training anders als Martin Olejnak und das ist auch wichtig. Es geht um die grundsätzliche Denkweise, zu der auch mündige Athleten gehören. In der ersten Phase der Zusammenarbeit mit Laura Ludwig hat sie immer davon gesprochen, dass ihr der Kopf raucht. Ich habe ihr gesagt: Du sollst Deine Freude und Ausstrahlung nicht verlieren, sonst wirst Du nicht gut spielen. Du musst du selbst bleiben. So sehe ich das auch bei Trainern. Sie müssen ihren Stil bewahren. Aber in der Gesamtheit geht es nicht nur um maximierte Qualität, sondern auch um optimierte Individualität. Das gilt für Trainer wie für den Athleten, der gesundheitlich und athletisch optimiert werden soll, der im Kopf stark gemacht und zu einem mündigen Sportler geformt wird. 

Wann ist ein Sportler ein mündiger Athlet?

Wenn er in der Lage ist, all das was er tut, selbständig zu überblicken und zu hinterfragen, und dann mit den ihm zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln daran zu arbeiten. Letztlich kann ich jedem erklären, wie Krafttraining funktioniert oder wie seine Ernährung auszusehen hat, aber entscheidend ist, dass er sich seiner Aufgabe klar wird und dafür sorgt, dass er die Dinge selbst und bewusst und mit maximaler Qualität umsetzt. Dafür muss der Athlet die Eigensteuerung übernehmen. Mich hat Anfang des Jahres ein sehr junger Spieler angerufen, weil er das Prinzip verstanden hat. Wir haben gemeinsam ein Konzept für ihn entwickelt, jetzt kommt es darauf an, wie er es umsetzt. Ich glaube gut, denn er ruft mich häufig an und sucht den Austausch. Solche Themen zu steuern, ist ein Teil der Ausbildung.

Und der Athlet muss raus aus der Rolle, seinen Trainer als Dominator zu betrachten, der alles vorgibt und bestimmt?

Trainer sehe ich immer als Helfer und nicht als Gottfigur an der Seite eines Spielers. Mit der Sichtweise kommst Du auch weit, aber Du kommst nicht auf die Ebene, wo Du in entscheidenden Momenten bei Matchbällen eigenständig handeln und das Maximale aus Dir herausholen kannst. Mir ist es wichtig, die Spieler in alle Planungen zu involvieren. Beispiel: Wir wollen die Annahme trainieren. Was wollen wir verändern, wie lange brauchen wir dafür? Sechs Wochen. Okay. Dann setzen wir uns wieder zusammen. Der Spieler bringt seine Erfahrungen ein, der Trainer auch, vielleicht kommt noch die Analyse eines Scouts dazu. Dann haben wir ein gemeinsames Ergebnis und ein inhaltliches Controlling, auf dem wir weiter arbeiten werden.

Fehlte diese Denkweise bislang bei Entscheidern und Trainern im deutschen Beach-Volleyball?

Einzelne Segmente sind bisher sehr stark berücksichtigt worden und es wurde an ihnen gearbeitet.

Beispielweise?
Viele Spieler haben eine sehr gute Athletik und spielen auch sehr schlau, weil sie Beach-Volleyball wirklich verstanden haben.

Aber es fehlte was?
Ich glaube, dass wir aus jedem Athleten noch ein paar Prozent herausholen können, um sie noch besser zu machen. Da kann ich noch viel Wissen einbringen und einiges so strukturieren, um alle Athleten in eine Optimierung zu bringen. Ich habe viele Ideen, bei deren Umsetzung viele helfen können, von den Physios, den Trainingswissenschaftlern und Sportpsychologen. Jeder kann sich einbringen, Input und Helfer sind gefragt. Ich habe viele Jahre zwischen Trainern und Medizinern gestanden, die sich nicht einigen konnten auf einen gemeinsamen Weg. Mediziner wollen einen gesunden Körper sehen, dann kann er Leistung bringen. Trainer legen mehr Schwerpunkte auf die Leistung, da steht Gesundheit nicht immer an erster Stelle. Das zusammen zu bringen, ist meine Aufgabe. Athleten wie Julius Thole oder Louisa Lippmann, mit der ich auch arbeite, haben große Athletikschritte gemacht und sind viel gesünder als zuvor. Julius hat seit zwei Jahren keine Langhantel auf der Schulter gehabt und trotzdem konnte er mit anderen Methoden seine Rückenproblematik loswerden sowie die Rumpf- und Beinmuskulatur deutlich besser entwickeln. Wir arbeiten zusätzlich intensiv mit einem Zahnmediziner zusammen, mit dem Ergebnis, dass er auch dadurch deutliche Kraftzuwächse bekommt.

Ihr Job beginnt am 1. September, aber ihre Arbeit wird begleitet von der Übergangsphase bis zu den Olympischen Spielen in Tokio. Können Sie jetzt schon richtig loslegen?
Fast alle Sportverbände haben ihre Olympia-Planungen vertagt. Nach dem Verschieben der Tokio-Spiele haben sie den Olympia-Zyklus um ein Jahr verlängert, weshalb die Planungen und Hilfsmittel für den neuen Zyklus erst nach Tokio 2021 anfangen können. Wir fahren zweigleisig mit der Tokio- und der Paris-Phase, von daher bin ich schon mitten im Geschäft.

Machen Sie sich in diesen Zeiten Sorgen um Beach-Volleyball?
Als Unternehmer habe ich gelernt: Es gibt immer Wege, wie es weiter geht. Nicht jeder Weg muss der Richtige sein. Was mich wurmt ist, und das sage ich aus der Sicht einer Firma, die mit Volleyball, Handball und Basketball zu tun hat, dass wir trotz des hohen Potenzials nicht besser da stehen. Die anderen Ballsportarten haben uns abgehängt. Die spielen sprichwörtlich in anderen Ligen. Wir sind nicht professionell genug und brauchen Leute, die es auf die Straße bringen und die Ideen auch umsetzen und nicht nur über konzeptionelle Ansätze reden. Ich will mit meinem Job für Beach-Volleyball einen Teil dazu beitragen. An ein Scheitern glaube ich nicht.

Zur Person:

Jürgen Wagner, 64, ist dank seiner Titelsammlung der erfolgreichste deutsche Volleyball-Trainer: Olympiasieger 2012 mit Brink/Reckermann und 2016 mit Ludwig/Walkenhorst, Weltmeister, mehrfacher Europameister und Deutscher Meister – im Hallen- und im Beachvolleyball. In der Halle trainierte er u.a. in Hörde, Feuerbach und Moers. 2017 wurde er vom Deutschen Olympischen Sportbund als Trainer des Jahres in Deutschland ausgezeichnet.

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