„Sie wollen wieder Volleyball spielen? Vergessen Sie’s.”

Hintergrund

Anne Krohn hat in Folge einer Brustkrebs-Behandlung eine Nahtoderfahrung gemacht und ihre rechte Brust verloren – aber nie ihren Lebensmut. Jetzt spielt sie bei den Deutschen Meisterschaften. Die beeindruckende Geschichte einer leidenschaftlichen Kämpferin und Beach-Volleyballerin.


Man muss durch die Nacht wandern, wenn man die Morgenröte sehen will


(Khalil Gibran)


Es ist der Lieblingsspruch von Anne Krohn, und wer ihre Geschichte kennt, versteht sie. Es ist eine Geschichte mit schlimmsten und schönen Momenten, mit einem Spannungsbogen, dessen Ende noch nicht erreicht ist.

Angefangen hat sie im August 2012, jedenfalls dachte Anne Krohn das zu diesem Zeitpunkt. Sie war in ärztlicher Behandlung wegen einer kirschkerngroßen Wucherung in der rechten Brust. Eine Verkalkung der Brustdrüse hieß es zunächst, doch weil der Knoten größer wurde, holte sie sich eine Zweitmeinung ein und landete im Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Was die damals 28-Jährige dann erfuhr, veränderte von einem auf den anderen Moment alles. Eine sympathische Ärztin, etwa im gleichen Alter, musste ihr sagen: „Sie haben Brustkrebs.” Fünfzehn Monate lang war sie falsch behandelt worden. Anne Krohn kann sich an mehr aus diesem Gespräch nicht erinnern: „Plötzlich war alles leer, dunkel, sie hat mir was erklärt, aber ich weiß nicht was.” Heute fühlt es sich für sie an, „als hätte man mir gesagt, Du stirbst.”

Anne Krohn hatte gerade ihr Pädagogik-Diplom abgeschlossen, sie war frisch verlobt und mit VT Hamburg Zweitliga-Meister im Hallen-Volleyball geworden. „Ich wollte in der 1. Liga spielen. Einmal ausprobieren, wie es als Profi ist.” Volleyball war ihr Leben. Als sie aus der Klinik kam, lag sie erst einmal eine Stunde weinend im Bett. Dann ist sie zu einem Beach-Turnier in Ückeritz auf Usedom gefahren, „weil ich das machen wollte, was ich am liebsten gemacht habe. Weinen“, sagte sie sich, „kannst Du noch genug.”

„Sie wollen wieder Volleyball spielen? Vergessen Sie’s.”

Innerhalb von zwei Wochen lag sie auf einem OP-Tisch im UKE, wo ihr die rechte Brust komplett abgenommen wurde. Zusätzlich mussten 19 Lymphknoten im Achselbereich entfernt werden – das hat zur Folge, dass sie den rechten Arm nicht mehr so belasten kann wie früher und daher beim Sport immer einen Kompressionsstrumpf zur Unterstützung des Lymphabflusses tragen muss. Sie kennt viele, die nach so einer Operation den Arm gar nicht mehr belasten können. Am Morgen nach der Operation wurde sie genau damit konfrontiert.

Die Physiotherapeutin versetzte ihr den nächsten Schlag: „Sie wollen wieder Volleyball spielen? Vergessen Sie’s.” Zudem stand die Phase der Chemotherapie an. In den ersten drei Monaten alle drei Wochen eine Behandlung, dann wöchentlich eine. Ihr fielen die Haare aus, sie nahm 15 Kilo zu, dazu die Wundschmerzen und Erschöpfung. Heute bezeichnet sie diese Zeit als eine Nahtoderfahrung.
Der Körper wird völlig an seine Grenze gebracht. Es ist wie ein Reset.“ Oft stand sie vor dem Spiegel und fragte sich: „Bist Du das?” Aber sie gab sich nicht geschlagen. „Ich wollte positiv bleiben”, sagt Krohn und entwickelte eine Strategie: „An vier Tagen soll es mir gut gehen, dann ist die Woche okay. An den anderen Tagen darf ich weinen, die Welt hassen, mich hassen, keine Lust auf irgendetwas haben.”

Dort zeigte sich dann auch die mentale Belastung dieser Krankheit, der Kampf mit sich selbst. Dabei wollte sie immer stark sein, vor allem für die Menschen um sie herum. „So eine Krise verändert leider auch Beziehungen.” Ihre Ehe wurde geschieden, Freundschaften sind zerbrochen, andere sind fester geworden. „Meine Familie und Freunde waren mein Anker. Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die in dieser Zeit an meiner Seite waren. Egal, ob ich heute weiß, was sie gerade machen.” Anne Krohn hatte ihnen gegenüber Schuldgefühle, „denn ich war der Auslöser für ihre Sorgen.” Auch eine von so vielen Herausforderungen, mit denen sie umzugehen lernen musste.

Die zweite Chance: Ab nach Stralsund

Eine Lust war immer da, die auf Sport. Sie begann zu joggen, „was andere spazieren gehen nennen würden. Nach fünf Minuten war ich trotzdem platt.” Schulterkreisen und Dehnungsübungen, vor allem mit dem rechten Arm, bis sie auch mal wieder einen Teller aus dem Schrank holen konnte. Beim Oststeinbeker SV konnte sie als Co-Trainerin der Männer arbeiten. Sie ging mit Perücke in die Halle und manche, die ihre Geschichte nicht kannten, hielten sie wegen ihrer Kilo zu viel für schwanger. „Ich bekam Glückwünsche”, wie passend in dieser Phase. Sie begann, allein an der Wand mit dem Ball zu üben, mit links zu schlagen („Katastrophe, geht gar nicht”). Über ein Jahr lang hat sie sich so durchgebissen, hat mit den Männern trainiert, bekam Einsätze bei den Frauen, die von der Verbands- in die Regionalliga aufgestiegen waren.

„Als ich wieder mit dem rechten Arm angreifen konnte und einige Zeit auf einem passablen Niveau gespielt habe, hatte ich das Gefühl, jetzt kannst Du zufrieden aufhören.” Dann kam überraschend der Lockruf aus ihrer Geburtsstadt Stralsund. Trainer André Thiel wollte sie im Team haben. „Und ich wollte zurück ans Meer”, da passte alles zusammen. „Es hat mich unheimlich gereizt, zu schauen, ob ich es nochmal schaffe in der 2. Bundesliga.“ Ihr neuer Arzt hatte ihr ein Programm aus Belastung, Physiotherapie und Regeneration erarbeitet, zudem hatte sie ungemeines Glück, dass ihr Körper die Strapazen gut überstanden hat.

Am Ende der Saison 2016/2017 hatte sie als Spielerin der Stralsunder Wildcats zwölf MVP-Medaillen gesammelt, neun Mal Gold und drei in Silber, und wurde als wertvollste Spielerin der 2. Bundesliga Nord ausgezeichnet. „Das war völlig verrückt, nach fünf Jahren mit so einem Rucksack voller Probleme.” Sie hatte es sich selbst bewiesen. Mit dieser Entschlossenheit ist sie auch im Sand erfolgreich. Mit ihrer Hamburger Teamgefährtin Anika Krebs wurde sie 2018 Fünfte bei ihrer ersten Deutschen Meisterschaft in Timmendorfer Strand. 2019 belegte sie mit ihrer aktuellen Teampartnerin Anna Behlen den dritten Platz in Dresden und gewann zuletzt ihr erstes Turnier in Zinnowitz. Damit hatten sie sich endgültig für die nationalen Titelkämpfe qualifiziert. Und Anne Krohn muss sich immer noch oft kneifen, „denn das kann mein kleiner Kopf gar nicht alles begreifen.”

Krebs bedeutet für Krohn und für viele andere: Tod, Leid und Hoffnungslosigkeit

Sie habe auch Glück gehabt, sagt sie. Andere nicht: „Eine Frau, mit der ich gemeinsam Therapie hatte, hat vier Rückfälle gehabt, aber sie hat bis zum Ende nie ihren Lebensmut verloren.” Diese positive Einstellung hat Anne Krohn aufgesogen, „weil es auch etwas ist, was Du als kranker Mensch sonst nicht erfährst.” Krebs bedeute heute noch, wie damals auch für sie, Tod, Leid und Hoffnungslosigkeit. Nur wenige finden den Weg zu erkennen, dass jeder eine Chance hat, zumindest das Beste daraus zu machen. „Es gibt viele Schicksale, aber den Glauben an ein glückliches Leben nach der Krankheit habe ich nie verloren.“ Anne Krohn hat den Krebs oft innerlich angeschrien, sagt sie: „Geh raus aus meinem Körper, wohin Du willst, aber raus aus mir.” Sie wollte ihm nie die Gelegenheit geben, sich noch breiter zu machen. „Ich wollte leben.”

Das tut sie seither in einem anderen Bewusstsein, mit einer anderen Stärke. Durch den Behandlungsfehler hat sie eine Schadenersatzsumme erhalten, „das Geld reichte für ein neues Auto.” Mehr als dieses Trostpflaster zählen Werte wie Achtsamkeit und Dankbarkeit. Alle sechs Monate muss sie sich untersuchen lassen, denn die Therapie ist über einen Zeitraum von zehn Jahren angesetzt. Termine, die sie mit Anspannung erlebt, aber nicht mehr mit der Unbedarftheit wie 2012.

Immer im August an ganz bestimmten Tagen, an denen sie die wahre Diagnose erfuhr und dem Tag der Operation, hält sie inne: „Dann mache ich Stopp und fühle nach, ob das Leben, so wie ich es gerade führe, für mich okay ist.” Das spürt sie in diesen Tagen sehr oft. Sie spielt wieder Volleyball, in der Halle beginnt gerade ihre 25. Saison, im Sand ist sie Teil der Deutschen Meisterschaften. Sie hat einen Job in ihrer Heimatstadt, kann vom Küchenfenster aus die Ostsee erblicken und hat eine neue Beziehung. Dann fühlt sie auch einen tiefen Glauben in sich, „dass alles so sein musste, wie es gekommen ist”. Oder: Sie musste durch die Nacht wandern, um die Morgenröte zu sehen.

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