„Wir haben gemerkt, dass wir eine demokratische Stimme der Spieler und Spielerinnen brauchen“

Beach International

Der Verband internationaler Beach-Volleyball-Spieler (IBVPA) setzt sich für die Rechte seiner Klientel ein. Hinter der Organisation steckt viel Freiwilligenarbeit und Herzblut.

Der Sport wächst – und mit ihm die Probleme

„Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, brauchen wir vor allem Begeisterung“, hat der Dalai-Lama einmal gesagt – eine Weisheit, die sich die Schweizerin Anouk Vergé-Dépré zu Herzen genommen hat. Dieser Eindruck entsteht zumindest, als sie am Telefon vom heimischen Bern aus von der ibvpa, der Gewerkschaft der internationalen Beach-Volleyball-Spieler und -Spielerinnen, erzählt.

„Wir wollen die FIVB (der internationale Volleyball-Verband, Anm. d. Red.) dabei unterstützen, Beach-Volleyball im Weltsportmarkt zu positionieren. Wir wollen die Leute an den Sport binden – nicht nur alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen“, sagt Vergé-Dépré als Vizepräsidentin der Organisation. Bei Olympia steht ihr Sport traditionell im Fokus, die Stadion-Tickets sind oft schnell vergriffen, in Deutschland verfolgten über acht Millionen Leute 2016 am Fernseher das Halbfinale in Rio de Janeiro von Laura Ludwig und Kira Walkenhorst – eine Rekordzahl.

Und sonst? Bis auf vereinzelte Großereignisse - die WM 2019 in Hamburg zählt dazu - findet der Sport im Fernsehen kaum statt, die Preisgelder schwanken, das Turniersystem ist für den Laien auf den ersten Blick kaum verständlich. „Ein Vier-Sterne-Turnier hat meist einen ähnlichen sportlichen Wert wie ein Fünf-Sterne-Turnier, aber in der Außenwahrnehmung ist ein Sieg dort weniger wert”, bekräftigt Vergé-Dépré. "Und niemand kann sagen, was der Wert von einem Turniersieg bei einem Drei-Sterne-Event ist. Für das breite Publikum ist das einfach nicht klar.“ Dazu kommt: Für Fans wie TV-Produzenten (im Übrigen auch für alle sonstigen Medien) sind die Turniere nur schwer zu verfolgen, wenn die Qualifikation für ein Event am Dienstag stattfindet und dann abends um elf Uhr die Spiele für den nächsten Tag angesetzt werden. “Es ist für niemanden verständlich, was ich in China auf Court sechs mache”, kritisiert Vergé-Dépré. Das erschwere die Vermarktung und die Sponsorensuche erheblich, gerade für die Teams, die noch nicht in der Weltspitze etabliert sind.

Die Gründung erfolgt in Zeiten großer Unsicherheit

Die Gewerkschaft will die Stimme der Spieler und Spielerinnen sein – entstanden ist sie 2017 aus dem Gefühl heraus, übergangen worden zu sein. Damals wurde das Turniersystem umgestellt, infolgedessen Punkte und Preisgelder anders vergeben werden. Die Unzufriedenheit unter den Athleten und Athletinnen war groß, vor allem was die Entwicklung der Preisgelder anging: Obwohl der Sport immer professioneller wurde, gingen die Einnahmequellen zurück. Einige versuchten, eine Diskussion in Gang zu bringen. Die Versuche verpufften. Es entstand das Gefühl, dass Entscheidungen ohne ihre Mitsprache getroffen wurden – und das obwohl die Sportler und Sportlerinnen direkt davon betroffen waren.

“Wir haben gemerkt, dass wir eine demokratische Stimme der Spieler und Spielerinnen brauchen”, sagt Vergé-Dépré. Das erkannte auch die Niederländerin Madelein Meppelink. Per E-Mail suchte sie Mitstreiter und Mitstreiterinnen - und fand sie unter anderem in der 28-jährigen Schweizerin. Der Verband ist die erste von den Spielern und Spielerinnen selbstorganisierte, unabhängige Gewerkschaft der Sportart. Zwar gab es zuvor bereits eine Athletenkommission beim Volleyball-Weltverband (FIVB) - dort aber wurden die Spieler-Vertreter und -Vertreterinnen von der FIVB ausgewählt. „Wir können viele Einblicke geben, die Funktionäre nicht haben können. Wir wollen den Sport konstruktiv voranbringen ”, betont Vergé-Dépré.

Trotzdem schlug der IBVPA von Seiten der FIVB zunächst Skepsis entgegen. „Das Vertrauen musste erst einmal wachsen”, sagt Vergé-Dépré. "Mittlerweile ist die Zusammenarbeit gut, der Informationsfluss ist viel transparenter geworden.“ Auch von Spieler- und Spielerinnen-Seite blieb der Zuspruch anfangs gering. “Es brauchte Zeit, bis alle verstanden haben, worum es geht”, so Vergé-Dépré.

Ein ständiges Lernen

Die Akzeptanz ist gestiegen, die Mitgliederzahl weitergewachsen. „Alle haben gemerkt, dass sie durch uns an Informationen gelangen, ihre Stimme einbringen können, dass wir bei Problemen helfen können und einen Zugang zum Weltverband verschaffen”, so Vergé-Dépré. Ungefähr 150 Mitglieder habe die Gewerkschaft mittlerweile, Mitglied kann werden, wer Spieler auf der World Tour ist oder war. Ein Beitrag von rund 92 Euro soll helfen, Kosten für Reisen oder Material zu decken. Einmal im Jahr veranstaltet die IBVPA eine Generalversammlung, dort wird über die Besetzung des Vorstandes abgestimmt und entschieden, welche Themen wie angegangen werden sollen. Alles Weitere wird über Mails oder Online Meetings geregelt.

Für die Verantwortlichen ist es Freiwilligenarbeit, den Großteil übernehmen Präsidentin Meppelink und Vergé-Dépré. „Wir sind ein gutes Team, sehr unterschiedlich, ergänzen uns dadurch aber gut. Wir können ziemlich direkt zueinander sein”, sagt Vergé-Dépré. Es habe Zeit gebraucht, die Organisation aufzubauen. “Was ist wichtig in Gesprächen mit der FIVB, wer ist für was zuständig, wie läuft die Kommunikation ab – das war alles Neuland für uns. Wir haben sehr viel gelernt, mussten aber immer wieder adaptieren”, sagt sie. Zumal der eigene Leistungssport weiterhin Priorität hat. „Wenn ein wichtiges Turnier ansteht, muss ich die Balance finden.“

Im Vorstand werden sie von Robert Meeuwsen (Finanzen/NED), Barbara Seixas (Strategie & Entwicklung/BRA), Melissa Humana-Parades (Public Relations/CAN) und Anders Mol (Medien/NOR) unterstützt. “Wir haben auch darauf geachtet, verschiedene Weltregionen abzudecken und Leute zu finden, die unseren Sport entwickeln wollen, ohne dabei nur an ihre eigene Situation zu denken.”

Wer sich für den Sport engagiert, ist eine Typfrage: „Es gibt Athleten, die sich nur auf den Sport fokussieren wollen. Mich bringt das nicht raus, wenn ich mich zwischendurch damit beschäftige. Aber das ist je nach Typus unterschiedlich.“ Und Melissa Humana-Parades betonte Anfang des Jahres im US-amerikanischen Podcast “Sandcast“, wie viel Arbeit die Spieler und Spielerinnen in die Organisation stecken: „Es wird oft nicht genug gewürdigt, wie viel diese Leute investieren.“

Was alle vereint: Ein gemeinsames Ziel

Der Großteil der Gewerkschaftsarbeit geschieht hinter den Kulissen, der Öffentlichkeit verschlossen. Da wäre zum Beispiel der Spielervertrag: „Wie viele Spieler lesen das tatsächlich? Man unterschreibt einfach, ohne eigentlich eine Ahnung zu haben, was man da gerade getan hat”, erzählte Humana-Parades. Dabei regelt die Vereinbarung wichtige Aspekte wie die TV- und Bilderrechte der Spieler und Spielerinnen und sichert eine gewisse Anzahl an Turnieren zu. Mit einem neuen Vertragsmodell, an dem die IBVPA mitgearbeitet hat, soll sich das ändern. Einen Eindruck darüber, ob die Zusammenarbeit der IBVPA mit der FIVB wirklich fruchtet, wird es aber wohl erst nach den Olympischen Spielen 2021 geben. Dann sollen die Änderungen in Kraft treten.

Dabei laufen alle Beteiligten ständig der Gefahr, ihren persönlichen Meinungen, geprägt von eigenen Erfahrungen und der aktuellen Position in den Ranglisten, Vorrang zu geben. „Es kann wirklich schwierig sein – und das sage ich als Sportlerin – andere Perspektiven und Positionen von anderen Spielern zu verstehen. Meine Prioritäten unterscheiden sich von einem jungen Spieler“, betont Humana-Parades. „Am Ende haben wir aber alle ein Ziel, wir leben den Sport, wir leben von ihm. Wenn wir uns auf diese Gemeinsamkeit einigen können, ist viel geschafft.“

→ Lesetipp: Hier bekommst du einen Überblick darüber, was sich in den sozialen Netzwerken und anderen Medien rund um Beach-Volleyball und die Verschiebung der Spiele abspielt.

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