Den Krebs besiegt: Wie sich Anne Krohn zurück ins Leben kämpfte


Schon einmal, das war im Sommer 2019, hat unsere Veröffentlichung der Geschichte von Anne Krohn viele Menschen bewegt. Nach sorgfältiger Abwägung haben wir uns dazu entschieden, ihren Erfahrungen zusätzlichen Raum zu geben. Sie selbst durfte entscheiden, was hier steht. Welche Bilder wir zeigen. Herausgekommen ist eine sehr sensible Geschichte, sehr intime Einblicke in das Leben einer unglaublich starken Frau – die ein Beispiel sein kann für alle Menschen, die einen Schicksalsschlag erleiden.

Recherche & Aufzeichnung: Klaus Wegener
Konzept & Umsetzung: Matthias Penk

Steckbrief: Das ist Anne Krohn

© Malte Christians / Hoch Zwei

Geburtsdatum: 19.11.1983

Nationalität: deutsch

Größe: 1,83 Meter

Hallen-Verein: Stralsunder Wildcats

Spielpartnerin: Anna Behlen (Saison 2019)

Größte Erfolge im Sand:  1x Gold Techniker Beach Tour (2019: Zinnowitz);  2x Platz 5 Deutsche Meisterschaften (2018 & 2019); 2x Bronze smart beach tour / Techniker Beach Tour (2015: Nürnberg, 2019: Dresden)

Die Geschichte von Anne Krohn – erzählt in vier Kapiteln

Vor acht Jahren erhielt Anne Krohn die niederschmetternde Diagnose Brustkrebs. Sie wurde operiert, kehrte nach der Chemotherapie auf das Spielfeld zurück und liefert seitdem sowohl in der Halle, als auch auf Sand Spitzenleistungen ab. Hier erzählt sie ihre Geschichte, um anderen Frauen Mut zu machen.

Ein Leben ohne Volleyball? Für Anne Krohn undenkbar: „Volleyball hat mir so viel gegeben, darauf kann ich nicht verzichten.” Die 36-Jährige hat eine dramatische Geschichte zu erzählen, aus der sie auch ohne ihren Willen und ohne die Liebe zu ihrem Sport kaum herausgekommen wäre: 2012 erhielt sie die Diagnose Brustkrebs, wurde operiert, stand mehrere chemotherapeutische Behandlungen durch und musste ihren Weg zurück ins Leben meistern.

Mit Volleyball: In der Halle spielt sie seit 2016 für den Zweitligisten Stralsunder Wildcats. Anne Krohn ist Leistungsträgerin im Team des Tabellenführers, in dieser Saison erhielt sie in ihrer Spielklasse mit Abstand die meisten MVP-Medaillen (neun Mal Gold, ein Mal Silber).

Übersicht: MVP-Medaillen von Anne Krohn in der Volleyball Bundesliga

Gold
9x
Silber
1x
Gesamt
10x
Saison Gold Silber Gesamt
2019/20 9 1 10
2018/19 7 2 9
2017/18 8 5 13
2016/17 9 3 12

Über die Daten: Nach jedem Bundesliga-Saisonspiel bekommen die besten Spielerinnen der Partie eine MVP-Medaille (Gold für die Gewinnerin, Silber für die Verliererin). Das ist die Ausbeute von Anne Krohn in der Saison 2019/20 (Balkendiagramm) und für alle Saisons, seit Krohn für die Stralsunder Wildcats spielt.

„Sport ist für mich als Persönlichkeit tausend Mal wichtiger als ein Brustaufbau.”

Auch auf Sand ist sie ein Ass: Im Beach-Volleyball wird sie mit Partnerin Anna Behlen auf Rang neun der deutschen Rangliste notiert. Die Stralsunderin und die Kielerin beendeten die letzte Saison bei den Deutschen Meisterschaften in Timmendorfer Strand als Fünftplatzierte, zuvor hatten sie das Turnier der Techniker Beach Tour in Zinnowitz gewonnen. Es läuft im Volleyball für Anne Krohn.

Auf eine Art steht ihr der Sport allerdings auch im Weg. Nach der Operation im August 2012 verzichtete sie auf den Einsatz einer künstlichen Brust: „Ich hätte das gleich nach der OP machen lassen können, aber da wollte ich erst mal nur, dass ich gesund und am Leben bin.” Acht Jahre später schiebt sie den Brustaufbau immer noch vor sich her: „Eine Operation ist ein massiver Eingriff in den Körper und der Aufbau dauert wahrscheinlich ein halbes Jahr.” Natürlich gibt es Momente, in denen sie sich wünscht wieder „Frau zu sein”. Auf der anderen Seite spielt sie viel zu gerne Volleyball und mag nicht auf die Spiele in der Halle und die Turniere im Sand verzichten. „Das gibt mir so viel zurück, damit kann ich nicht aufhören. Sport ist für mich als Persönlichkeit tausend Mal wichtiger als ein Brustaufbau.”

Anne Krohn hat einen offenen Umgang mit ihrer Krankheitsgeschichte gefunden. Wo andere schweigen, will sie reden, um Frauen Mut zu machen. Krebs bedeute noch immer Tod, Leid und Hoffnungslosigkeit. Sie hat das selbst so erleben müssen. Es hat gedauert, bis sie erkannte, dass jeder eine Chance hat, zumindest das Beste daraus zu machen: „Es gibt viele Schicksale, aber den Glauben an ein glückliches Leben nach der Krankheit habe ich nie verloren.” Anne Krohn hat in ihren Erinnerungen gekramt und spricht anhand von Fotos über ihren Weg zurück ins Leben.


Kapitel I: Vor der Erkrankung – Unbeschwerte Zeiten

(2008 – 2011)

Sportlich auf dem Höhepunkt

© VT Aurubis/Dieter Nagel

„Ein Spielerporträt aus dem Jahr 2008, aus der Zeit in Hamburg, eine Erinnerung an die Zeit mit langen Haaren und sportlich gut im Saft. Von 2006 bis 2012 habe ich in Hamburg gespielt, in Lüneburg Erziehungswissenschaften studiert, aber ab 2009 in Hamburg gewohnt.”


Derzeit ist die häufigste Krebserkrankung […] bei Frauen der Brustkrebs. Jährlich erkranken insgesamt etwa 476.000 Menschen neu an Krebs."

Quelle: Bundesgesundheitsministerium (Stand 2014, s. Krebs in Deutschland 2013/2014, 11. Ausgabe, 2017, RKI)


© Dieter Nagel

Die Meisterschaft 2012 war der Moment meines sportlichen Höhepunktes, dachte ich zumindest damals. Es zeigt meine heile Welt, in der ich damals gelebt habe. Ich war Zweitliga-Meister mit Hamburg, mein Studium hatte ich gerade erfolgreich abgeschlossen und privat das große Glück gefunden. Hätte es eine Stopptaste gegeben, es wäre genau der richtige Moment gewesen, sie zu drücken. Das Leben war perfekt.


Kapitel II: Die Diagnose – Fehler mit bösen Folgen

(2011 – 2012)

Urlaub auf Fuerteventura – der Krebs ist sichtbar

© privat

Kurz nach der Meisterschaft war ich im Urlaub. Dort ist dieses Bild entstanden. In der rechten Brust hatte sich das Gewebe bereits von der Achselhöhle bis zur Brustwarze hin so stark verändert, dass der Tumor selbst von außen sichtbar wurde.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich aber nicht, dass er bösartig war. Die Ärzte sprachen von einer Verkalkung, einer Mastopathie in der Brust, weshalb ich schon über ein Jahr in Beobachtung war. Leider hat man mich nicht intensiver untersucht, und so glaubte ich selbst, dass schon nichts sei. Ich hatte auch keine Schmerzen, vielleicht mal ab und an einen leichten Druckschmerz, über den ich mir keine weiteren Gedanken gemacht habe. Viele sagen, Brustkrebs sei nicht sichtbar. Das Foto zeigt aber, wie groß der Tumor bereits war. Der Krebs würde nicht aufhören mein Brustgewebe immer weiter zu verfremden. Direkt nach dem Urlaub ging ich zum Universitätsklinikum in Hamburg (UKE), um eine zweite Meinung einzuholen. 


Brustkrebs ist in Deutschland und generell in Ländern der industrialisierten Welt die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Fast drei von zehn betroffenen Frauen sind jünger als 55 Jahre alt, wenn sie die Diagnose erhalten."

Quelle: Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum (Letzte Aktualisierung: 26.09.2016)


Schmerzhaft: Die Stanzbiopsie

© privat

Im UKE wurde ich von den Ärzten mit großen Augen angesehen und es wurde sofort eine Stanzbiopsie gemacht, was von den vorherigen behandelnden Ärzten versäumt worden ist. Dabei wird Gewebe entnommen, um den Tumor eindeutig untersuchen zu können. Die Untersuchung war leider schmerzhaft, weil dazu mehrmals mit einer Nadel ein Widerhaken in die Brust gestoßen wird. Seit der ersten Untersuchung waren mittlerweile 15 Monate vergangen. Mein äußeres Erscheinungsbild hatte dazu geführt, dass niemand eine Krebserkrankung vermutet hatte.

„Sie sind ja noch so jung und so leistungsfähig, da wird schon nichts sein”, wurde mir immer gesagt. Natürlich war ich oft müde, aber ich habe fünf Mal pro Woche trainiert, studiert, an der Uni nebenbei gearbeitet und kam so auf eine 60-Stunden-Woche. Hätte man die Stanzbiopsie bei meiner ersten oder zweiten Untersuchung gemacht, wäre mir die Chemotherapie wahrscheinlich erspart geblieben und mit einer kleinen OP und Bestrahlung wäre das Thema vom Tisch gewesen. Den Behandlungsfehler hat zum Glück die Schlichtungsstelle festgestellt und anerkannt.

Karlshagen: Das letzte Beachturnier vor der OP

Foto: privat

Als ich nach der Diagnose aus der Klinik kam, lag ich erst einmal eine Stunde weinend im Bett. Dann bin ich mit meiner lieben Freundin und langjährigen Beach-Partnerin Ulrike Gröhl zu einem Turnier in Ückeritz auf Usedom gefahren, weil ich das machen wollte, was ich am liebsten tue.

Weinen kann ich noch genug, habe ich mir gesagt. Ulli hatte mir sofort angesehen, dass etwas nicht stimmt. Als Krankenschwester weiß sie, dass die Chancen auf Genesung bei Krebs nicht immer gut sind. Die Angst macht einen fertig. Ulli ist auch heute noch an meiner Seite. Eine Woche später waren wir in Karlshagen, wo ich das letzte Mal für lange Zeit einen Ball in der Hand hatte und wo dieses Foto entstanden ist. Ich lächle zwar tapfer, sehe aber ziemlich fertig aus. Die Augen sind klein – kein Wunder.


Kapitel III: Die Behandlung – Der Beginn eines Marathons durch Höhen und Tiefen

(Sommer 2012)

Von einer Etappe zur nächsten

Danach begann mein ganz persönlicher Marathon, dessen erste Etappe nach vielen Voruntersuchungen die OP am 2. August 2012 war. Die Brust wurde zur Sicherheit komplett abgenommen und aus dem Achselbereich mussten einige Lymphknoten entfernt werden. Am Morgen nach der Operation verpasste mir die Physiotherapeutin den nächsten Schlag: „Sie wollen wieder Volleyball spielen? Vergessen Sie’s.”

Leider bildete sich noch lange viel Wundflüssigkeit, die sich in der Achselhöhle sammelte, wodurch ich den Arm immer abspreizen musste. Ich bin gelaufen wie ein Model, den Arm immer in die Hüfte gelegt, konnte ihn aber auch nicht heben, weil sonst die Wunde aufgeplatzt wäre. In der Zeit hatte ich starke Schmerzen und dachte: „Wird Dein Leben jetzt so weiter verlaufen?” Heute stufe ich das als Kleinkram ein, aber damals war das gravierend. Du guckst dauernd in den Spiegel und wartest, dass sich etwas verändert und besser wird.

Der Port ist drin

© privat

Ein halbes Jahr Chemotherapie steht an. Dazu wird im Oberarm ein Port gelegt, um einen dauerhaften Venenzugang zu haben. Da die Medikamente recht aggressiv sind und man die Vene in der Armbeuge nicht wöchentlich durch das Anstechen verletzen möchte, ist es schonender, einen Port zu implantieren.

Der hat eine kleine runde Kammer, wo die Ärzte eine Nadel hineinstechen können, mit der nur durch die Haut gestochen wird. An der Kammer hängt ein Schlauch, der das Medikament erst kurz vor dem Herzen in die Blutbahn gibt. So werden die Venen auf dem Weg dorthin geschont. Nach der Chemotherapie kann der Port für den Fall eines Rückfalles drinbleiben. Aber ich habe gleich gesagt, „nehmt ihn raus”. Ich hatte nicht vor, noch einmal so krank zu werden.


Ich habe gleich gesagt, 'nehmt ihn raus'. Ich hatte nicht vor, noch einmal so krank zu werden."

– Anne Krohn wollte nicht, dass der Port nach der Chemotherapie in ihrem Körper bleibt.


Das erste Bild mit kurzen Haaren

© privat

Nach der ersten Infusion dauerte es zwei Wochen, da hatte ich keine Haare mehr auf dem Kopf. Einmal gekämmt oder die Haare gewaschen, und ich hatte ein Büschel in der Hand. Es lichtete sich immer mehr, bis nichts mehr war als einzelne graue Haare.

Fotos aus der Zeit sind für mich auch heute noch befremdlich, ich schaue sie immer länger an als andere. Draußen habe ich meistens eine Mütze aufgesetzt. Gut, dass es Winter war. Bei meiner Arbeit als Co-Trainerin beim Oststeinbeker SV habe ich eine Perücke getragen. Einige haben mich nicht erkannt, andere haben das ignoriert. Es gab mir ein Gefühl von Freiheit und Normalität, nicht ständig angestarrt zu werden.

Ein halbes Jahr später fingen die Haare wieder an zu wachsen. Erst wie Babyhaare, ganz flauschig, bis die Haare wieder kräftiger wurden. 


Kapitel IV: Der Weg zurück – Ich wollte einfach nur wieder spielen

(2013 – heute)

Rückkehr auf die Tour

© Janine Braun

Im Sommer 2013 habe ich mich in Binz erstmals wieder beim Beachen sehen lassen. Es ist unschwer zu erkennen, dass sich mein Körper noch nicht erholt hat. Mit raspelkurzen Haaren und richtig propper mit 15 Kilo mehr, würde ich mal sagen.

Kein Vergleich zu heute oder vor meiner Erkrankung. Ich konnte anfangs auch nur mit links schlagen. Wenn ich die Bilder heute sehe, frage ich mich, wie mutig ich eigentlich war, denn ich erkenne mich kaum wieder. Damals war mir das aber egal. Ich wollte einfach nur wieder spielen.


'Das kannst du nicht', ist für mich mittlerweile keine Option mehr."

– Anne Krohn


Meine Hochzeit

© Oliver Reimer

Meine Hochzeit 2014 in der Katharinenkirche in Hamburg: Die Haare sind noch recht kurz, doch das war der Moment, wo ich langsam anfing, die Krankheit zu vergessen und in mein Leben zurückzukehren.

Björn Domroese ist zwar inzwischen mein Ex-Mann, aber an die Zeit mit ihm denke ich immer noch gern. Wir haben das damals gemeinsam durchgestanden, ohne ihn hätte ich es wohl nicht geschafft. Manche Freundschaften sind zerbrochen, andere sind fester geworden und die Familie ist näher zusammengerückt. Mein Mann, meine Familie und Freunde waren in der Zeit mein Anker. Ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die an meiner Seite waren.

Der Blick in den Spiegel bleibt hart

Es ist nach wie vor hart, mich im Spiegel zu sehen – das hat sich nicht verändert. Die Narbe hat sich im Laufe der Jahre zum Guten gewandelt, aber ich habe noch immer keinen Brustaufbau gemacht und sehe an der Stelle meine Rippen. Wenn man ein Kind fragt, wie es eine Frau malen würde, es würde sie immer mit zwei Brüsten malen. Es fühlt sich also immer fremdbestimmt an, weil der Krebs mir aufgezwungen hat, anders auszusehen als früher. Selbst ein Brustaufbau würde daran nichts ändern. Aber in jedem Schicksal steckt etwas Gutes. Acht Jahre nach der Diagnose bin ich da, wo ich sein wollte. Mit oder ohne Krankheit. Vielleicht sogar ein Stückchen reifer, weiter und erfolgreicher als ich es dachte.

Mein erstes großes Turnier auf der deutschen Tour habe ich im Juni 2015 in Jena gespielt. Vielleicht hätte ich nie den Mut und den Willen entwickelt, auf dem Niveau anzutreten, wäre ich nicht so krank gewesen. „Das kannst du nicht”, ist für mich jedoch mittlerweile keine Option mehr. Hätte mir vor meiner Erkrankung jemand erzählt, dass ich mal bei Deutschen Meisterschaften mitspiele und ein Turnier der Techniker Beach Tour gewinne, hätte ich ihn ausgelacht. 

Manchmal überrascht einen das Leben eben so und manchmal so. Heute bin ich glücklich mit dem, was ich erreicht habe. Natürlich gibt es Momente, in denen ich mich nicht schön finde, aber das ist nur eine Facette des Lebens. Der Sport gibt mir als Persönlichkeit so viel zurück. Ich denke, jeder sollte etwas in seinem Leben haben, das ihn antreibt, glücklich macht und für das es sich lohnt zu kämpfen. Für mich ist das Volleyball. Ein Leben ohne den Sport konnte ich mir noch nie vorstellen. 

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