"Wenn die Männer so missbraucht werden wollen..."

Interview mit Sara Goller

"Das sind die mit den knappen Höschen" ist meist die erste Reaktion, wenn es auf Beach-Volleyball zu sprechen kommt. Wir fragten Deutschlands beste Blockspielerin Sara Goller, was sie von ihrem Arbeitsoutfit hält. Und so spricht die Olympia-Aspirantin u.a. über den Sexismus in ihrer Sportart, ihre Vorbildfunktion und über den natürlichen Umgang mit dem Körper.

Hallo Sara! Du hast Dich auch schon in Deinem Blog mit dem Thema "Helden in Höschen" auseinandergesetzt. Was meinst Du, würden nicht ein paar Zentimeter der Spielhose gut tun?

Sara Goller: "Der Blog, den ich geschrieben habe, war offen. Da kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Das Thema muss man differenziert betrachten. Es gibt viele Facetten. Es ist auf jeden Fall ein Teil unserer Sportart, den wir auch bewusst nutzen, weil das einfach zieht. Es ist schwierig, sich in den Medien durchzusetzen. Man muss ein Alleinstellungsmerkmal haben und das ist im Beach-Volleyball so gegeben. Ich frage mich z.B. auch, warum das bei den Leichtathleten, die in ähnlicher Kleidung auftreten, nicht thematisiert wird.

Ursprünglich ging es bei der Kleiderordnung ja einfach mal um eine professionelle, einheitliche Außendarstellung. Da musste man irgendwas festsetzen. Dass das jetzt 7cm Bündchen sind, ist sicher nicht ganz unbewusst gewählt. Jetzt kann man sich natürlich streiten, ob das gut oder schlecht ist. Für mich ist es auch immer eine Form, die Leute auf den Sport aufmerksam zu machen, dass sie hingucken und dann denken, ist ja ein geiler Sport. Denn das ist er definitiv! Der erste Gedanke ist schon meist: 'Das sind die mit den kurzen Hosen', aber dann kommt auch bald: 'Das ist aber sicher anstrengend, in so einem Sand zu spielen'. Der Sport an sich hat ja ganz viel Potenzial. Unabhängig von den Höschen und dem Sexismus, der da ständig präsent ist. 

Ich glaube, dass man Leute auch nur mit dem Sport begeistern kann, aber die Hosen sind eine Möglichkeit, Türen zu öffnen."

Bei der WM in Rom startete die Kampagne "FIVB Heros". Ihr hattet die Vorgabe, nicht sexy-süß zu gucken, sondern selbstbewusst und stark.

"Fand ich super geil die Kampagne. Ist wirklich cool geworden. Wenn man sich die Bilder anguckt, bleibt man schon hängen. Der Sport wird von einer anderen Seite beleuchtet, das gefällt mir ganz gut. Trotzdem ist man nicht so weit, sich von der 'Sex sells'-Nummer zu trennen. Ich meine, die machen diese Kampagne und trotzdem stellen sie die Hüpfdolen auf den Center Court. Die Vermarktung zieht einfach über diese Schiene. Jetzt sich von etwas zu trennen, was erfolgreich ist, wäre mutig oder doof, das ist ja oft ein schmaler Grat."

Ok, die Vermarktung funktioniert auf diese Art und Weise. Doch ist es nicht problematisch, dass die weiblichen Athleten eher über diese sexistische Schiene wahrgenommen werden. Sie müssen Leistung bringen und sexy sein, weiblich, gut aussehen usw. werden als bescheidene Siegerinnen gezeigt, während Männer in Siegerposen zu sehen sind. Vor allem vor dem Hintergrund, dass in den Sportredaktion etwa 98% Männer sind, die Entscheidungsträger bei den Sponsoren Männer sind und dass die Sportberichterstattung auf männliche Rezipienten ausgerichtet ist?

"Das funktioniert aber so. Wenn man sich bei den männlichen Beach-Volleyballern umschaut, haben die sicher keine Vorteile bei der Vermarktung. Ich weiß, was Du meinst, grundsätzlich. Ich würde mir auch wünschen, dass es noch mehr so kommt, dass die Leistung zählt und Frauen aus solch einer Geschlechterrolle rauskommen. Ich habe aber schon das Gefühl, dass bei uns Leistung gesehen und anerkannt wird. Klar ist immer das Thema, 'ihr seid die Beach-Volleyballer mit den kurzen Hosen', ein Türöffner und diese 7cm-Bündchen ist auch immer ein gutes Small-Talk-Thema. Allein das ist schon eine echt gute Vermarktungstrategie gewesen, wenn man das so sieht.

Natürlich wünsche ich mir, dass dann auch die Person, der Athlet, gesehen wird und dass das rüberkommt, was die FIVB mit ihrer Hero-Kampagne bezweckt. Dass es nämlich harte Arbeit ist, dass wir ziemlich viel Schweiß und das eine oder andere Tränchen vergießen. Es ist nicht nur Caipirinha am Strand.

Das ist das, was ich für mich akzeptieren kann. Ich sage, ok, das Bikini-Thema ist eine Möglichkeit uns zu vermarkten, das ist meine Arbeit. Aber dann sollte relativ bald in der Wahrnehmung kommen: das sind aber auch gute Typen, sind selbständig, müssen ihr Unternehmen allein führen, sie reisen um die Welt, zahlen ihren Trainer usw. Die ganze Organisation um ein Beach-Volleyball-Team ist ja weitaus mehr als nur Beach-Volleyball. Ich habe das Gefühl, dass das bei uns auch der Fall ist, deswegen bin ich über diese Situation jetzt nicht unglücklich."

Vielleicht müsstet gerade ihr als die deutsche Nummer Eins aufpassen, was für ein Vorbild ihr den jungen Sportlerinnen seid?

"Ja, man muss bewusst mit der Situation umgehen. Man muss sich immer wieder dran erinnern, dass das eine oberflächliche Welt ist. Alles ist sehr körperbetont, alle sehen gut aus, klar, das braucht man für die Vermarktung, aber dann muss man es aber schaffen, einen gewissen Abstand zu haben, dass man weiß, das alles brauchst du für deinen Sport, das ist aber nicht das Entscheidende. Der Transfer von 'Mädels in Höschen' zu 'Das sind aber selbstbewusste Frauen, Unternehmerinnen' sollte schon stattfinden. Wenn ich z.B. Sonja Kraus sehe, wie sie sich darstellt, sie nutzt das Klischee 'Blond und doof' total für sich, dabei ist sie wirklich clever. Das ist jetzt für mich eine Extremform der Darstellung, die ich sehr schwierig finde, aber es ist eine Rolle."

Heißt das, ihr als Beach-Volleyballerinnen spielt auch eine gewisse Rolle. Die Darstellung "sexy Beacherinnen" ist eine Art Kunstform? 

"Der Witz ist, dass das alles für uns recht unspektakulär ist. Das ist unsere Arbeitskleidung. Wir trainieren auch im Bikini, wenn es warm ist. Es ist eine gewisse Form von Freiheit. Ein Freund sagte mal: 'Diese Beach-Volleyball-Welt hat ja auch was von FKK'. Klar, man steht da im Bikini, hat kaum was an und jeder ist so ungeniert. Das ist auch etwas Natürliches. Für uns ist es auch angenehm, in langen Sachen nicht drei Kilo Sand mit nach Hause zu bringen. Wenn man in Rio im Trainingslager ist und es sind 30 Grad, springt man nach dem Training kurz ins Wasser und alles ist gut. Es gehört auch dazu. Es ist für uns normal und vielleicht auch nicht bewusst. Erst wenn es in Sponsorengespräche oder Interviews geht, kriegt man dann gespiegelt, dass es für andere nicht so normal ist. Ich finde es auf der einen Seite total angenehm, dass es so ein unkomplizierter Umgang mit dem Körper ist und auf der anderen Seite möchte ich natürlich nicht allein darauf reduziert werden. Es kommt auf die Person selbst an. Wenn es Spielerinnen gibt, die sich nur auf das Äußere verlassen und das mit Gewalt nach vorn pushen, dann wird es schwierig. Dann ist es auch nicht mehr so wirksam. Wenn du dich als Beach-Volleyball-Spielerin präsentierst, dann sollte irgendwann auch etwas mit Inhalt kommen. Dann ist es wiederum wie überall, wie in jedem Beruf: Die eine geht in Highheels und mit tiefem Ausschnitt zum Chef, die andere versucht's mit Inhalt (schmunzelt). Am erfolgreichsten ist wahrscheinlich was dazwischen. Am Ende ist es wieder so, dass man jede Person einzeln angucken muss und nicht alle über einen Kamm scheren kann. Für mich gibt es Grenzen, wie ich mich darstellen würde. Das eine kann ich für mich vereinbaren und das andere vielleicht nicht mehr."

In den USA gibt es seit Kurzem eine "Lingerie League". Table Tänzerinnen oder Pole Tänzerinnen wurden in eine Liga gepackt und spielen sozusagen in Unterwäsche Rugby. Es ist also eine Sportart entstanden, die total auf "Sex sells" angelegt ist. Zum Finale hatten sie 65 Millionen Zuschauer vorm Fernseher.

"Wenn die Männer so missbraucht werden wollen (lacht), dann kann man auch so damit arbeiten (lacht). Es ist ja auch relativ einfach mit den Männern – diese Vermarktungsebene...(lacht)."

Viele Sportlerinnen erhoffen sich von Nackfotos einen Vermarktungsschub. Würdest Du Dich für den Playboy ausziehen?

"Ich würde nie sagen, das und das würde ich nie machen. Ich bin auch nicht so wahnsinnig prüde. Es würde aber für mich sehr darauf ankommen, wie es gemacht ist. Es gibt ja solche Fotos und solche. Also, jetzt habe ich eine Bekannte im Playboy gesehen, so würde ich es nicht machen (lacht). Die Fotos von der Seglerin, mit der ich Turmspringen gemacht habe, fand ich z.B. total schön. Das waren richtige Kunstfotos, man sah nichts, einfach nur einen schönen Körper." 

Was würdest Du denn jungen Sportlerinnen bezüglich der Vermarktung und der Frauen-Rolle im Sport raten?

"Unsere Arbeitskleidung und das Bild der Beach-Volleyballerinnen finde ich auch ein Stück weit ästhetisch und schön, aber es ist wichtig, sich die Fragen zu stellen, wer bin ich, was will ich, wie will ich mich darstellen, wo sind für mich die Grenzen, was  kann ich mit mir vereinbaren und vor allem – klingt vielleicht arg philosophisch – aber die Frage 'Was bin ich hinter dem Höschen' (lacht). Wenn dann nur ein langer Pfeifton kommt, wirdŽs schwierig."

Vielen Dank für das Gespräch, Sara.

Mehr Infos zum Team Goller/Ludwig.

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