Alison: "Deutschland hat eine große Zukunft im Beach-Volleyball vor sich"

Interview mit Alison/Bruno

Alison Cerutti und Bruno Oscar Schmidt stehen kurz vor dem wichtigsten Turnier ihrer bisherigen Beach-Volleyball-Karriere. Im Interview erzählen die Weltmeister von 2015 von dem Druck, der bei den Olympischen Spielen auf ihren Schultern lastet und der politisch ungewissen Situation in Brasilien.

Ein Brasilianer mit deutschen Vorfahren

Alison Cerutti ist eigentlich ein sehr zurückhaltender Zeitgenosse. Durch unsere portugiesisch sprechende Beach-Academy-Teilnehmerin Karin Wolffrom, die uns bei dem Interview unterstützt hat, kam er aber aus dem Plaudern gar nicht mehr heraus, und auch Bruno Oscar Schmidt war direkt motiviert, mit seinen Sprachkenntnissen aufzutrumpfen: „Also, ich kann auch Deutsch mit euch sprechen“, begann er übermütig.

Nach „wie geht's“, „nein", deutsch“, „ja“ und „scheiße“ war sein Wortschatz allerdings erschöpft. „Na gut, das war eigentlich nur ein Witz“, gab Bruno zu, dabei liegen mögliche Deutschkenntnisse bei dem brasilianischem Abwehrspieler gar nicht so fern.

Bruno, wo kommen deine Vorfahren eigentlich her? Schmidt klingt ja eher nach einem deutschen Nachnamen als einem brasilianischen?
Bruno: Das ist richtig, Mein Großvater war Deutscher. Er ist mit seinem Vater und der kompletten Familie damals vom zweiten Weltkrieg nach Brasilien geflohen. Er hatte einen typischen deutschen Namen: Oswald Schmidt. Teile der Familie leben auch noch in der Nähe von Hamburg.
Alison: Ich kann auch etwas auf Deutsch sagen: Gute Nacht, guten Morgen, danke, bitte.

Und vor zwei Jahren beim Grand Slam in Berlin wolltest du noch nicht einmal ein Interview auf Englisch geben....
Alison: Stimmt, tut mir leid. Ich übe noch.

Stimmt es, dass du als Ballroller den Weg zum Beach-Volleyball gefunden hast?

Alison: Ja, das stimmt. Ich war schon 16 Jahre alt, als ich mit dem Beach-Volleyball angefangen habe. Damals habe ich als Trainingspartner von Loiola angefangen (José Loiola, Weltmeister 1999, Anm. d. Red.). Nach seinen Trainingseinheiten habe ich dann selber noch trainiert. An der Seite eines so erfolgreichen Sportlers trainieren zu dürfen, hat mich dazu angetrieben, den Sport selber auf hohem Niveau betreiben zu wollen. Er brachte uns Trainingspartnern, die viel jünger waren als er, sehr viel bei und war ein großes Vorbild für uns. 

Hast du vorher einen anderen Sport betrieben? 
Alison: Ja, ich habe Hallen-Volleyball gespielt, Fußball und bin geschwommen…
Bruno: ...und Glühbirnen hast du gewechselt.
Alison (lacht): „Ja, meine Mutter hat mich das immer machen lassen, weil sie nicht an die Decke kam. Mit meinen 2,03 Metern bin ich da schon hilfreich.“

Wie bist du zum Beach-Volleyball gekommen, Bruno?
Bruno: Ich bin in Cabo Frio aufgewachsen, das ist nicht weit entfernt von der Copacabana. Da gibt es nur Kampf- und Beach-Sport, außerdem ist mein Vater total Beach-Volleyball infiziert, er hat die letzten Ü-50 Olympics gewonnen. Bis ich 20 Jahre alt war, habe ich auch noch Hallen-Volleyball gespielt. Ich war Zuspieler, aber ich habe es gehasst. Ich wollte immer draufhauen, aber immer ich musste ich zuspielen. Deshalb bin ich dann zum Beach-Volleyball gegangen.

Panda und Mammut erklimmen die Beach-Volleyball-Spitze

Inzwischen bist du statistisch gesehen der beste Side-Out-Spieler der Welt – also war es wohl die richtige Entscheidung?
Alison: In Brasilien wird er auch Magic Bruno genannt.
Bruno: Ja, stimmt. Aber, wenn man ehrlich ist, habe ich tausende Spitznamen, einer davon ist Panda.

Warum Panda?
Bruno: Als ich angefangen habe mit Beach-Volleyball, war ich ein bisschen dicklich, um nicht zu sagen fett. Ich habe ziemlich viel Gewicht verloren. 

Der Panda und das Mammut – Alison, erzählst du uns auch die Geschichte zu deinem Spitznamen?
Alison: Als ich angefangen habe Beach-Volleyball zu spielen, war ich sehr schwerfällig im Sand. Zum gleichen Zeitpunkt ist der Film Ice Age herausgekommen und lauter Leute haben angefangen, mich mit Manni dem Mammut zu vergleichen. Am Anfang habe ich mich total darüber aufgeregt, aber dann fand ich es irgendwann selber lustig und habe mir auch das Tattoo stechen lassen.

Du wolltest nach einem Jahr eigentlich aufhören zu spielen, da Du keine ausreichende finanzielle Unterstützung hattest, wieso ging es dann doch weiter?
Alison: Ich habe mich in der Zeit in einer sehr schwierigen Phase befunden. Ich war 17 oder 18 Jahre alt, hatte gerade die Schule beendet und wusste nicht, ob ich anfangen sollte zu arbeiten oder studieren. Ich habe dann begonnen, Wirtschaft zu studieren und hatte nur wenige Sponsorengelder. Brasilien ist ein sehr großes Land und allein das Reisen auf der nationalen Tour ist aufgrund der großen Distanzen sehr kostspielig. Ich wusste nicht, wie ich das finanzieren soll. Daraufhin habe ich mir Gedanken darüber gemacht mit dem Sport aufzuhören, hatte aber gleichzeitig einen sehr hohen Zuspruch von anderen Profispielern, die mir in dieser Zeit sehr geholfen haben. Außerdem habe ich in dann einige Sponsoren gewonnen, die mir bis heute treu geblieben sind.

Wurdet ihr Athleten nicht vom brasilianischen Verband finanziell unterstützt?
Alison: Ich stamme noch aus der Zeit der vorherigen Generation um Sportler wie Ricardo und Emanuel, Loiola und Franco, die ihre Tour noch aus eigener Tasche finanzieren mussten. Ihre spielerischen Erfolge, Siege und Medaillen haben dann dazu geführt, dass die finanzielle Unterstützung für die Sportler immer besser wurde. Heute hilft uns der brasilianische Volleyball-Verband mit einer finanziellen Unterstützung für Flugtickets, Hotels und Verpflegung. Das hat aber erst vor vier Jahren begonnen, vor allem im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.

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"Wir machen uns Sorgen um unsere Familien und wissen nicht, wie es weitergehen wird."

Alison Cerutti

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Wie ist die Lage derzeit in Brasilien, politisch und im Hinblick auf Olympia?
Alison: Die Lage in Brasilien ist momentan sehr angespannt, aufgrund der großen politischen und wirtschaftlichen Probleme. Dennoch freuen sich die Brasilianer auf die Olympischen Spiele. Allerdings sind wir momentan alle sehr unsicher. Wir machen uns Sorgen um uns und unsere Familien und wissen nicht, wie es weitergehen wird.
Bruno: Wir gehen mal davon aus, dass die finanzielle Unterstützung nach Olympia wesentlich geringer für uns ausfallen wird. 

Ein weiteres Thema war in den vergangenen Monaten der Zika-Virus in Brasilien. Wie schätzt ihr die Gefahr momentan ein?
Alison: Im Augenblick ist das Zika-Virus unter Kontrolle. Das Problem wurde vor allem von der brasilianischen Presse sehr aufgebauscht, so dass ein riesengroßer Ballon entstanden ist. Es war ein großer Schreck für die gesamte Bevölkerung, ist aber im Augenblick gut unter Kontrolle gebracht worden, und stellt dadurch meiner Ansicht nach keine Gefährdung mehr für Olympia dar.
Bruno: Natürlich spielt die Jahreszeit auch eine wichtige Rolle. Ende des Jahres hatten wir Regenzeit und viel Sonne, das waren die perfekten Bedingungen für die Moskitos, um sich zu vermehren. Während der Olympischen Spiele ist in Brasilien Winter, jetzt sind die klimatischen Verhältnisse anders, deshalb hat sich das auch gelegt.

Für euch geht es jetzt vor allem um den Sport, was überwiegt bei so einem großen Turnier im eigenen Land, die Freude oder der Druck?
Bruno: Es ist beides. Wir können das nicht leugnen. Es ist toll, dass wir die Unterstützung haben, aber dieser Druck wiegt schwer auf unseren Schultern. Das Gute an uns beiden ist, dass wir solche Situationen mögen. Wir sind dann konzentrierter, treiben uns gegenseitig an. Wenn man so eine Situation haben will mit einer Heim-Olympiade und das wollen wir ja, dann muss man auch mit dem Druck umgehen können.

Wie schätzt ihr eure Chancen ein, Olympia-Gold zu gewinnen?
Bruno: Das ist eine gute Frage. Niemand weiß, was passiert. Man hat bei den letzten Turnieren gesehen, dass alle Top-Teams sich gegenseitig schlagen können, vor allem ab dem Halbfinale kann einfach alles passieren. Und dann kommen noch die Emotionen hinzu in Rio, das ist ja noch einmal etwas ganz anderes als ein World Tour Event, vor allem für uns, die Zuhause spielen. Darauf bereiten wir uns derzeit intensiv vor. Wir wollen in Rio in unserer besten Verfassung sein, mental und körperlich.

Videobeweis macht Beach-Volleyball fairer

Alison, du warst schon einmal kurz davor, Olympiagold in den Händen zu halten. Was denkst du über den letzten Ball im Finale von London, war der Angriff von Emanuel drin oder im Aus?
Bruno: Achtung, das wird jetzt eine lange Antwort!
Alison: Das war ein unglaublich spektakuläres Spiel auch für uns, nicht zuletzt aufgrund des Spielverlaufs im dritten Satz von 11:14 zu 14:14. Meiner Meinung nach war der Ball drinnen. Aber ganz unabhängig davon, bin ich einfach nur glücklich darüber, eine Olympische Medaille tragen zu dürfen. Es ist unglaublich schwierig so eine Medaille zu bekommen. Und bei diesem Finalspiel, das wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, standen sich vier herausragende Sportler gegenüber, und ich durfte einer davon sein. Ich habe den größten Respekt gegenüber Julius Brink und Jonas Reckermann und dem, was sie heute aus ihrer Karriere machen. Sie sind großartige Beach-Volleyballer und Vorbilder für den Sport in Deutschland. Und ich glaube auch, dass die Zukunft des Beach-Volleyballs sehr auf dem aufbaut, was sie in ihrer Karriere erreicht haben. 
Bruno: Ich bin mir nicht sicher, ob der Ball den Sand auf die Linie bewegt hat oder ob der Ball die Linie wirklich berührt hat. Ich kann es echt nicht sagen, aber genau deshalb wurde ja jetzt der Videobeweis eingeführt. Das ist ein echter Fortschritt für den Beach-Volleyball. Ich hoffe, dass wir das beibehalten. Es ist doch auch extrem schwierig, für einen oder zwei Personen bei so schnellen Abläufen ohne Hilfsmittel zu sehen, ob zum Beispiel der Block einen Ball berührt hat oder nicht. Ich finde, es macht den Sport viel fairer, wenn man die Challenge nutzen kann. 

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"Es ist toll, Olympia zu Hause zu spielen, aber den Druck, den wir empfinden, können wir nicht leugnen."

Bruno Oscar Schmitt

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Wie beurteilt ihr die Entwicklung im deutschen und brasilianischen Beach-Volleyball?
Alison: Ich glaube dass heute der Unterschied zwischen dem Sport in beiden Ländern sehr klein ist. Wir haben in beiden Ländern großartige Sportler, Profis in allen Bereichen, die sie unterstützen und eine hervorragende Infrastruktur. Die Sportler aus beiden Ländern sind heute unsere Weltmeister und Olympiasieger. Wir haben eine Woche in Hamburg trainiert und waren begeistert von den Gegebenheiten und Trainingsmöglichkeiten. Ich denke, dass der brasilianische und der deutsche Sport auf einem Niveau sind, es sind hervorragende Sportler, groß gewachsen, athletisch, reaktionsstark. Ich glaube, dass Deutschland eine große Zukunft im Beach-Volleyball vor sich hat. Anhand der Titel stehen wir momentan gleichstark da, doch auch die neue Generation ist ähnlich stark aufgestellt.

Was bekommt ihr von der neuen Generation in Brasilien mit?
Alison: Viel, das haben wir uns von Loiola abgeschaut, der uns damals so ein Vorbild war. Wir trainieren heute auch mit Sportlern, die teilweise viel jünger und unerfahrener sind als wir, um auch ihnen viel von unserem Wissen und Können mit auf den Weg zu geben. Brasilien muss aber darauf achten, weiter am Ball zu bleiben.

Inwiefern?
Alison: Viele brasilianische Sportler verlassen das Land, um neuen Tätigkeiten und Jobs nachzugehen. Und auch andere internationale Teams entwickeln sich momentan unglaublich weiter. Der Sport wächst einfach enorm. Wir haben aktuell auch holländische, polnische oder lettische Teams, die Finalspiele erfolgreich bestreiten. Es sind nicht mehr nur Brasilien und die USA, die die Spitze des Sports bilden, sondern Mannschaften aus der ganzen Welt, die Beach-Volleyball voran treiben. Das ist das Schöne an der aktuellen Entwicklung.

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